„Waren als Lieferant früher nur eine Nummer“

Im Rahmen einer Sonderrichtlinie für das ÖPUL 2015 gibt es ab nächstes Jahr Prämien für die Strohhaltung von Schweinen. 65 Euro sollen künftig pro Großvieheinheit für Jung- und Mastschweine ab 32 Kilogramm Lebendgewicht ausbezahlt werden. Thomas Riedl aus Winkl im Bezirk Tulln hat sich für seine 450 Mastplätze bereits angeschaut, ob er in die Vorgaben fallen wird. Mit einer Gesamtfläche von 1,10 m² ab einem Gewicht von 85 Kilo und einer eingestreuten Liegefläche von über 40 Prozent wird er wohl in den Genuss der ÖPUL-Maßnahme kommen.

Ein schönes Körberlgeld für den Schweinemäster. Aber nicht der primäre Grund, warum er von der Strohhaltung begeistert ist. „Wir haben 2004 einen neuen Stall gebaut und uns für Strohhaltung entschieden, obwohl das damals überhaupt nicht extra bezahlt wurde“, erzählt er. Es sei eine Entscheidung aus Sympathie gewesen – und auch wegen der geringeren Investitionskosten und weil die Technik da war.

Das System seines Stalles mit schwenkbaren Aufstallungen, 12er-Buchten und automatischer Fütterung habe er selber entwickelt, „weil es so etwas nirgends zum Anschauen gegeben hat. Ich wollte einfach die Stallarbeit trotz Stroheinstreu so einfach wie möglich gestalten“, so Riedl. So wird sein Stall auch bei voller Belegung alle 14 Tage mit dem Frontlader ausgemistet. Nachgestreut wird beim Kontrollgang. „Wir sind einfach gerne im Stall, weil wir sehen, dass es unseren Tieren gut geht“, betont auch Ehefrau Monika.

Seit 2013 schlägt sich der Mehraufwand auch finanziell zu Buche. Damals stellte der Fleischhauer Manfred Pfennigbauer aus Hausleiten seinen Betrieb radikal um. Er hatte bisher bis zu 1.000 Schweine pro Woche gehandelt und stieg mit seinem Projekt „Wagramer Strohschweine“ gleich mehrere Schritte zurück. Zehn Schweine pro Woche, so lautete die erste Vereinbarung zwischen Pfennigbauer und der Familie Riedl. Mittlerweile verarbeitet der Fleischer 25 Tiere, weswegen zwei weitere, kleinere Mäster eingestiegen sind.

Die Bauern haben mit ihrem Abnehmer ein relativ einfaches Abrechnungssystem entwickelt. Pfennigbauer: „Wir zahlen fixe Aufschläge auf den Börsepreis und verzichten dabei auf eine Klassifizierung und Gewichtsabschläge.“ Tendenziell nimmt er am liebsten schwerere Schweine mit 107 Kilo ab, zu Spitzenzeiten holt er aber auch leichtere Tiere, um die Nachfrage der Strohschwein-Fleischfans zu decken, erläuert der Schlachter.

Letztlich erhält Thomas Riedl damit bei seinen 1.200 Schlachtschweinen jedes Jahr rund 12.000 Euro mehr, als er zuvor lukrieren konnte. Ebenso wichtig wie das Geld sei ihm allerdings die Handschlagqualität seines Fleischhauers: „Beim vorigen Abnehmer waren wir als Lieferant nur eine Nummer. Dagegen sind wir bei Manfred Pfennigbauer in die Planung eingebunden“, betont Riedl.

Womit sich das Fleisch der Strohschweine nun vom Mitbewerb abhebe? „Zum schmecken schwerere Schweine grundsätzlich besser. Und außerdem verfüttern meine Lieferanten vergleichsweise wenig Silage, was sich ebenfalls positiv auf die Fleischqualität auswirkt“, ist Fleischer Pfenningbauer überzeugt.
Die Riedl jedenfalls füttern ihre Schweine mit gentechnikfreiem Soja und einer Mineralstoffmischung. Auch der Mais und das Getreide für den Futtertrog werden auf ihren rund 100 Hektar Ackerland im Tullnerfeld selbst angebaut.

Letzteres liefert auch die Einstreu, weshalb damit auch nicht sparsam umgegangen werden muss. „Und mit den Rundballen ist das Einstreuen heute auch keine allzu schwere Arbeit mehr“, meint Thomas Riedl.

Auch wenn er die Zahl seiner Mastschweine im Verhältnis zur Wirtschaftsfläche leicht erhöhen könnte, den Bestand aufstocken möchte der Landwirt nicht. „Strohschweine zu produzieren, das geht nur im kleineren Rahmen. 2.000 Mastplätze auf Stroh sind arbeitstechnisch nicht machbar“, so seine Begründung. Außerdem könne er sich nicht vorstellen, seinen Stall vom Hof auszusiedeln. „Ich gehe mehrmals täglich kurz nachschauen, ob alles passt. Das könnte ich nicht, wenn der Stall irgendwo draußen vor der Ortschaft läge.“

Mit den Strohschweinen glaubt der Unternehmer jedenfalls, einen Nerv der Zeit getroffen zu haben. Der Fokus im Verkauf liegt bei der Fleischerei Pfennigbauer seit der Neuausrichtung fast vollständig am Geschäft in Hausleiten. „Wir sind nicht teurer geworden, verkaufen aber um einiges mehr. Wir bedienen auch ein völlig anderes Publikum als der Supermarkt. Wir haben viele junge Kunden, die wissen wollen, woher das Fleisch kommt und wie die Tiere gehalten wurde. Die kochen meist nur am Wochenende noch selber. Dann soll es aber etwas Gescheites sein.“

Indes findet er im Bereich Gastronomie nach dem Strohschwein-Zuschlag von ein paar Cent heute kaum noch Abnehmer, bedauert Pfennigbauer, der aber nach dem selbst verordneten Wachstums-Stopp diese als Kundschaft nicht mehr unbedingt brauchen. „90 Prozent unseres Geschäftes machen wir mit Strohschweinen“, so Pfennigbauer. Wobei er für seine Fleischerei den Plafond dafür noch nicht erreicht sieht: „Wenn wir aktiv Kunden suchen und Filialen eröffnen, würden könnten wir wohl noch mehr Strohschweine absetzen.“ Es sei aber kaum noch möglich, geeignetes Personal zu finden, dass sich am Wochenende ins Fleischgeschäft stellen will.

Dass sich das Konzept „Strohschwein“ aber auch wirklich großflächig rechnen würde, glaubt der Strohschwein-Verarbeiter dennoch nicht: „Da gehört mehr dazu als nur die Ware.“ Große Schlachthöfe etwa könnten wohl die regionale Herkunft der Schweine nicht mehr garantieren. Und im Supermarkt seien ohnehin ganz andere Parameter maßgeblich, allen voran der billigste Preis bei Aktionen. „Für einen Fleischer mit Leib und Seele wie mich und kleinere Mäster, die sich gerne mit den Tieren beschäftigen, sind Strohschweine aber eine ideale Nische“, so Pfennigbauer.

Kommentar:

Nun also wieder Strohschweine

Spezialprogramme sind am stark von Aktionen und Preisdruck geprägten Fleischmarkt nie über ein Nischendasein hinausgekommen. Zwar hat Bio etwa bei Rinderfleisch ordentliche Marktbedeutung gewonnen. Dagegen bliebt der Bioanteil bei Schweinefleisch stets im unteren einstelligen Prozentbereich, zu einem guten Teil nur von Direktvermarktern bestritten. Wegen des allgemein schlechten Images von Schweinefleisch würden sich immer mehr kritische Konsumenten ohnehin ganz von diesem abwenden, behauptet Ja Natürlich-Qualitätsmanager Andreas Steidl.

Nun also wieder Strohschweine. Der vermehrte Wunsch nach mehr Tierwohl ist auch für Horst Jauschnegg von der LK Steiermark ein Argument, das die neue ÖPUL-Prämie für diese rechtfertigt. „Allerdings“, so der Tierzuchtdirektor, „darf es sich nicht nur um einen kurzfristigen Anreiz handeln, wenn man damit Erfolg haben will. Die Mehrkosten müssen über einen Zeitraum von zehn bis fünfzehn Jahren abgedeckt sein.“

Dagegen gibt Hans Peter Bäck von Styriabrid zu bedenken, die steirische Schweinerzeugergemeinschaft habe seitens um das Jahr 2000 rund 300 Strohschweine pro Woche für die Schweiz produziert, als zusätzliches Label-Programm neben dem AMA-Gütesiegel. „Das war damals wohl zu früh. Nach Beendigung der Lieferbeziehung mit der Schweiz konnten keine dauerhaften Abnehmer mehr gefunden werden“, erinnert sich Bäck. Und auch die Handelsketten hätten eine Reihe von Programmen gestartet, die nach kurzer Zeit wegen zu geringer Nachfrage wiedereingestellt werden mussten.

Aktuell läuft bei Rewe ein Strohschweine-Projekt mit einem ein „Ja! Natürlich“-Mäster im Weinviertel, um die Nische abzudecken.

Dass die Strohschwein-Chancen dennoch größer sein könnten als noch vor zehn Jahren hält aber auch Hans Peter Bäck für möglich: „Spezialisierte Fleischerfachbetriebe suchen nach Alleinstellungsmerkmalen. Alternative Haltungsformen rücken immer stärker in den Focus.“ Ein Hemmschuh sei allerdings nach wie vor das (Stall-)Baurecht. Bäck: „Die Erfahrungen mit Bauvorhaben in jüngster Zeit lassen mich daran zweifeln, dass alternative Haltungsformen in großem Stil über bestehende Anlagen hinaus zu etablieren sind. Der schon für konventionelle Stallungen übliche Spießrutenlauf wird auch den Projekten mit tierfreundlicher Ausrichtung nicht erspart bleiben.“
S.N.