Mit Green Care in den Vollererwerb

Auf den ersten Blick ist der idyllische Hof im Lachgraben, inmitten von Obstgärten und Weiden, alles andere als ein typischer, moderner Bauernhof: Ein bisschen wirkt es wie eine Arche Noah, mit seinen unzähligen Tieren. Den Besucher erfasst eine eigenartige Gelassenheit, wenn er das alte Anwesen betritt. Und auch die Bauersleute entsprechen nicht dem typischen Klischee. Sie haben erst vor knapp 15 Jahren zu dem aufgelassenen Hof und zur Landwirtschaft gefunden. Schrittweise sind aus dem Piloten und der Pädagogin richtige Bauern geworden. Man habe erst „hineinwachsen“ müssen bis sich aus der ursprünglichen Idee eines Selbstversorgerhofes eine wirtschaftliche Alternative, die heute im Vollerwerb geführt wird, entwickelt habe, meinen die beiden „Stadtkinder“ aus Linz und Innsbruck.

Mit der Verleihung der „Green Care-Zertifizierung“ gehört der Demeter-Betrieb, den manche Nachbarn vielleicht zu Beginn milde als „Spinnerei“ belächelt haben, zu den absoluten Pionieren im Land ob der Enns. Das Geschäftsmodell der Purtschellers lautet soziales Engagement. Über die gesamte Woche verteilt kommen verschiedene Gruppen auf den Hof. „Wir wollen jungen Menschen ermöglichen die Kreisläufe der Natur zu erleben und in unmittelbaren Kontakt mit den Pflanzen, Tieren und Menschen zu treten“, erzählt Heike Purtscheller. In ein wirtschaftlich erfolgreiches Konzept wurde diese Idee 2011 mit der Gründung der privaten Kinderbetreuung „Naturkinder im Garten am Putti-Hof“ gegossen. Hinzu kommt die „tiergestützte Intervention“, sowie seit 2013 das Projekt „Sprungbrett“ gemeinsam mit Cartias und pro mente. In diesem werden junge Menschen mit psychosozialen und kognitiven Schwierigkeiten auf grundlegende Anforderungen des Arbeitsmarktes vorbereitet.

„Wir wollen die Menschen dazu bringen, dass sie ihr Leben so weit wie möglich selbstständig bewältigen können“, erzählt Maria Sumereder von der Caritas. Ziel sei es die Klienten im „ersten Arbeitsmarkt“ unterzubringen und vom Beihilfeempfänger zum Steuerzahler zu entwickeln. Bis zu zehn Jugendliche kommen dafür regelmäßig auf den Putti-Hof. „Sie lernen Verantwortung zu übernehmen. Aus einer Landwirtschaft kann man sehr viel fürs Leben mitnehmen. Tiere reagieren anders als Menschen und brauchen auch bei Regen und Schnee Betreuung.“ Die Heranwachsenden arbeiten in allen Bereichen des Hofes, von der Tierpflege über die Käserei und den Verkauf am Wochenmarkt mit. Dadurch erlernen sie auch den richtigen Umgang mit Kunden und Vorgesetzten.

Trotz der starken Ausrichtung auf die soziale Komponente legt Andreas Purtscheller großen Wert darauf, dass sein Betrieb ein „produzierender“ Hof ist. „Wir sind in keinem Bereich bei den absoluten Spitzenwerten dabei, weil wir uns eben weder auf die Milchkühe, noch auf die Schweine oder das Geflügel spezialisiert haben. Aber wir erzeugen hochwertige Produkte, die wir am Hof selber verbrauchen oder am Markt verkaufen.“ Die Urproduktion würde es erlauben wenig zukaufen zu müssen. Das Zusammenspiel der einzelnen Faktoren, von der Schule am Bauernhof über die Kinderbetreuung und das Caritas-Projekt würde den Erfolg des Hofes ausmachen.

Der Betrieb der Familie Purtscheller gehört mit der Zertifizierung zu jenen 17 Green Care-Höfen, die das Prozedere der offiziellen Auditierung bereits hinter sich gebracht haben. Laut dem Obmann des Vereines Green Care, Robert Fitzthum, wolle man bis 2018 85 Betriebe in ganz Österreich durch das Zertifizierungsverfahren bringen. Derzeit würden sich rund 50 Betriebe im sogenannten Betriebsentwicklungsplan befinden, stolze 690 Höfe hätten sich aber grundsätzlich interessiert und einen Betriebsprofil ausgefüllt.

Fitzthum: „Die Zertifizierung ist freiwillig und kostet Geld. Daher werden sich nicht alle Höfe, die im sozialen Bereich tätig sind, tatsächlich dem Prozedere unterwerfen.“ Die Diversifizierung über Green Care entwickle sich aber kräftig weiter, zum einen bei Quereinsteigern wie der Familie Purtscheller, zum anderen aber auch bei klassischen Bauernhöfen, die ein Zusatzeinkommen suchen. Damit Interessierte von Anfang an professionell beraten werden, gibt es in den Landwirtschaftskammern jedes Bundeslandes Koordinatoren, die eine Erstberatung durchführen und die Höfe durch die erste Phase begleiten. In Oberösterreich halten Kammer und Ländliches Fortbildungsinstitut gemeinsam den Zertifizierungslehrgang „Green Care –Gesundheitsförderung am Bauernhof“ ab.  Kammerpräsident Franz Reisecker: „Der soziale Bereich kann für viele Betriebe eine Erwerbskombination darstellen. Auch wenn der Putti-Hof als erste eine Hof-Tafel bekommt, gibt es auch bisher schon einige Projekte, die wir stolz in die Auslage stellen können.“

STEFAN NIMMERVOLL

Erstellt am 27.6.2016