Milchbauer und Staatsoberhaupt

In den vergangenen zwei bis drei Jahrzehnten hatten Österreichs Bundespräsidenten mit Verlaub mit Landwirtschaft eher wenig am Hut. Der im Juli nach zwölf Jahren aus seinem Amt geschiedene Heinz Fischer (2004-2016) etwa hat zwar als Schüler während des Krieges immer wieder Zeit auf dem Bauernhof seiner „Tante Sali“ im Seewinkel verbracht und später als Bundespräsident den einen oder anderen Biobauern oder Urlauberbauernhof etwa in Osttirol besucht.

Auch Apfelköniginnen, Blumengärtner und Gemüsebauern samt Geschenkkörben hat er stets in der Hofburg empfangen. Und ebenfalls aus der Tradition heraus alljährlich die Landwirtschaftsmessen in Wels oder Ried eröffnet. Tiefgehende Stellungnahmen zu wirklichen Bauernsorgen kamen dem Staatsoberhaupt mit sozialistischen Wurzeln dabei kaum über die Lippen.

Der erwähnte Messebesuch als eintägige Auszeit von den erhabenen Prunkräumen in der Hofburg, mitten hinein zwischen Traktoren, Tierschauen und Bierzelt, war auch nicht Sache von Thomas Klestil (1992-2004). Landluft schnuppernd ließ er mit seiner Mimik keinen Zweifel daran: Kühe, Hühner und Schweine waren nicht seine Lieblingstiere. Kurt Waldheim (1986-1992) dagegen nahm auch die Agrarmessetermine gerne in Kauf. Viel Abwechslung bot ihm seine überwiegend isolierte Amtszeit ja nicht.

Und auch wenn sein Vorgänger Rudolf Kirchschläger (1974-1986) seit seinem ebenfalls bei einer Welser Messe geäußerten Ausspruch vom „Trockenlegen der Sümpfe und sauren Wiesen“ bis heute als moralische Autorität in Erinnerung geblieben ist, so ging es Kirchschläger dabei nicht um Maßnahmen der Melioration zur Bodenverbesserung zwecks Arbeitserleichterung und Ertragssteigerung in der Landwirtschaft.

Noch aus einem ganz anderen politischen Holz geschnitzt war dagegen Michael Hainisch, in der Ersten Republik Bundespräsident von 1920 bis 1928. Über ihn stand wenige Wochen vor dem Ende seiner achtjährigen Amtszeit in einer Wiener Wochenzeitung zu lesen: „Die österreichischen Landwirte sehen mit besonderer Verehrung zu dem Staatsoberhaupte hin, der für alle ein Muster an trefflicher Führung seines landwirtschaftlichen Betriebes ist.“

Der Fabrikantensohn aus Schottwien – der Vater besaß eine Baumwollspinnerei, Mutter Marianne war Österreichs erste Frauenrechtlerin und etablierte hierzulande auch den Muttertag – studierte in Leipzig und Wien Rechtswissenschaften, später zudem Nationalökonomie in Berlin und war k.u.k. Staatsbeamter, als er von seiner Frau Emilie einen Gutsbetrieb in Jauern bei Spital am Semmering geschenkt bekam. Seine Weltanschauung war liberal und dennoch großdeutsch gesinnt, er blieb aber stets parteilos.

Hainisch wurde am 9. Dezember 1920 auf Vorschlag der Christlichsozialen Partei, Vorläufer der heutigen ÖVP, zum ersten offiziellen Bundespräsidenten der Republik Österreich gewählt. Sein Vorgänger als erstes Staatsoberhaupt nach dem Ende der Monarchie, Karl Seitz, war nur Präsident der Nationalversammlung, also von Nationalrat und Bundesrat. Nach seiner Wiederwahl 1924 blieb Hainisch bis Dezember 1928 im Amt. Als Staatsoberhaupt war er auf Grund seiner korrekten Amtsführung bei allen politischen Lagern anerkannt und galt besonders als Förderer der Landwirtschaft, des Fremdenverkehrs oder des ländlichen Brauchtums.

Schon früh beschäftigte er sich mit den agrar- und sozialpolitischen Problemen, baute sein aus fünf Höfen bestehendes Gut ab 1893 zum Musterbetrieb aus und verfasste in dieser Zeit auch Bücher über den Kapitalzins, das Getreidemonopol und später – bereits als Bundespräsident -über „Die Landflucht, ihr Wesen und ihre Bekämpfung im Rahmen einer Agrarreform“. Auch über „Die Viehzuchtwirtschaft mit Weide- und Güllebetrieb“ gab er eine Schrift im Grazer Stocker-Verlag heraus, aus der gelebten Praxis vom eigenen Hof „für das bäuerliche Alpenland“.

Über das 650 Hektar große Mustergut Jauern mit Wald und Grünland hieß es: „Es wurde von Doktor Hainisch mit viel Mühe und Aufwand verbessert und seiner Höhenlage (800 bis 1200 m, Anm.) entsprechend ganz auf Milchwirtschaft und Milchviehaufzucht eingestellt.“ Knapp 150 Rinder standen in den drei Ställen, und mit seiner elfjährigen Montafoner Braunviehkuh „Bella“ sorgte Bundespräsident Hainisch im Jahr 1927 auch international für Aufsehen. Sogar das Time Magazin in England berichtete damals über Bellas fulminant hohe Leistung von 11.080 Kilogramm Milch mit 3,9 Prozent Butterfett.

Weil der Präsident nicht ganz uneitel mit seiner Milchkuh prahlte, brachte ihm das auch damals schon einige Karikaturen mit spitzer Feder sowie einen bissigen Kommentar des besonders wortgewaltigen Publizisten Karl Kraus („Hainisch und Bella“) ein. Der erste und bislang einzige Milchbauer an der Spitze der Republik starb am 26. Februar 1940 in Wien.

Am. 2. Oktober werden auch Österreichs Landwirte heuer zum nunmehr dritten Mal zu den Urnen gerufen, um ein neues Staatsoberhaupt zu wählen. Zur Auswahl stehen Norbert Hofer, gelernter Flugzeugtechniker, und Alexander Van der Bellen, diplomierter Volkswirt. Über Hofers agrarische Ansichten ist wenig bekannt, außer dass er massiver Kritiker der EU und Gegner des Freihandelsabkommens TTIP ist, „weil es der Landwirtschaft schadet“.

Gegen TTIP spricht sich auch Van der Bellen aus: „Die Interessen der Landwirtschaft gehen hier vor.“ Vom früheren Chef der Grünen weiß man, dass er sich seit langem etwa massiv gegen Grüne Gentechnik und betont für Bio- und Bergbauernanliegen stark gemacht hat. Glaubt man den Wahlanalysen der Stichwahl Ende Mai, hatte Hofer bei den Bauern die Nase vorn.