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Das dekarbonistierte Tal

Der Südtiroler Teil des Wipptals ist agrarisch von der Milchwirtschaft geprägt. Mist und Gülle vieler Bauern wird in der Biogas Wipptal, BiWi, zu verschiedenen Produkten veredelt. Damit soll das Problem des Nährstoffüberschusses bewältigt werden.

Das vorrangige Ziel der Gründung des Unternehmens war es ursprünglich nicht, Energie zu erzeugen, sondern die Überdüngung und die daraus resultierenden hohen Nitratwerte in den Griff zu bekommen. In Betrieb gegangen ist die von einer Gruppe an Landwirten initiierte BiWi im Jahr 2016 als klassisches Blockheizkraftwerk. Zuvor musste gegen einige Widerstände ein geeigneter Standort etwas außerhalb Sterzings, der nördlichsten Stadt Italiens, gefunden werden. Anders als viele Anlagen quer durch Europa, wurde der Fermenter aber nie mit Energiepflanzen wie Mais gefüttert, sondern war immer rein auf Gülle und Mist ausgelegt. Der Großteil davon stammt von den Rinderbauern der Region. Einige wenige Lieferanten halten auch Pferde. Insgesamt wird das organische Material von 120 Höfen abgeholt.

Mittlerweile ist das Unternehmen ganz aus der Verstromung der Energie ausgestiegen und wendet innovativere Veredelungstechniken an. „Aus unserem Gärrest wird über Umkehrosmose Wasser entzogen, das so sauber ist, dass wir es in den Bach einleiten können. Ein Teil des Gärrests geht an die Bauern zurück, die damit ihre Wiesen düngen“, erläutert Geschäftsführer Manfred Gius. Dieser sei homogener als die klassische Gülle, stinke weniger und es wachse weniger Unkraut. Zudem sparen sich die Landwirte große Lagerbecken, weil das Substrat kontinuierlich abgeholt wird. „In Zukunft werden wir anhand von Düngeplänen auch punktgenau kalkulieren können, wie viel ein Betrieb braucht.“ Rund 70 Prozent der Menge gehen so zurück in die lokale Landwirtschaft. Jene 30 Prozent, die das Tal zu viel an Nährstoffen produziert, werden einerseits getrocknet und pelletiert und über Handelsketten in ganz Italien an Privatkunden vermarktet. Andererseits hat die BiWi mit Partnern mit Wicon ein Konzentrat entwickelt, das in flüssiger Form im Wein- und Obstbau ausgebracht wird. „Dort haben wir genau das gegenteilige Problem der Bodenmüdigkeit. Mit der veredelten organischen Substanz bauen wir Humus auf“, so Gius.

Das Bio-Methan, das im Zuge der Vergärung entsteht, wird gereinigt und zu LNG verflüssigt. Es erhält so eine Energiedichte, mit der es möglich ist, Lastwagenmotoren zu betreiben. In die Umsetzung des Projektes sind einige Speditionen und der Autokonzessionär von Iveco eingestiegen. Diese reduzieren mit dem erneuerbaren Kraftstoff ihren ökologischen Fußabdruck und erhalten dafür CO2-Zertifikate. Physisch wird das meiste Flüssiggas nach Deutschland gebracht und dort getankt. Aufgrund der hochreinen Qualität dürfen die Wipptaler sogar die Ariane-Trägerraketen der ESA befüllen. Manfred Gius geht davon aus, dass die Veredelung von Methan in Treibstoff ein längerfristiges Zukunftsmodell ist. „Beim Schwerlastverkehr werden wir noch einige Zeit keine Elektrifizierung sehen. Da bräuchte jede Spedition ein eigenes Kraftwerk. Bio-LNG ist eine Brückentechnologie.“ Die Brücke könne aber auch ziemlich lange sein. Ein weiteres Nebenprodukt des technologischen Prozesses ist biogenes Kohlendioxid, das von einem Partner weitervertrieben wird. Diese ist im vergangenen Jahr zu einem gefragten Gut geworden, weil sie üblicherweise als Nebenprodukt der Düngemittelproduktion anfällt. „Erst als diese zurückgefahren wurde, haben wir erkannt, wo überall CO2 gebraucht wird“, so Gius.

Derzeit bekommen die Bauern für die Lieferung der Gülle an die Biogasanlage kein Geld, da das Unternehmen erst die umfangreichen Investitionen zurückverdienen muss. Irgendwann könnten aber die damit errungenen CO2-Zertifikate abgegolten werden. Schon heute kann sich die Reduktion der Emissionen in Luft und Boden aber auf Umwegen finanziell auswirken. „Wer seine Grenzwerte nicht einhält, bekommt zum Beispiel keine Förderungen beim Kauf eines Traktors“, weiß der BiWi-Geschäftsführer. Er ist überzeugt, dass die Daumenschrauben in Zukunft noch stärker angezogen werden. „Mit der Möglichkeit, die Reststoffe zu uns zu bringen, könnte man kleinen Betrieben auch ein paar Kühe mehr erlauben und so ihr Überleben absichern.“

Zudem werde sich ein Vermarktungsvorteil ergeben. „Der Biomarkt wird nicht mehr wachsen. Wenn wir mit konventioneller Milch aber nachweisbar und seriös in Richtung CO2-Neutralität gehen, werden wir dafür mehr verlangen können.“ Aktuell sei man in Gesprächen mit der ansässigen Genossenschaft, dem Milchhof Sterzing, um noch mehr Lieferanten gewinnen zu können. Gius ist überzeugt, dass das Modell auf ganz Europa umlegbar wäre. Künftig könnten also in milchintensiven Regionen, auch in Österreich, hinter dem Milchtransporten der Gülletransporter herfahren. „Wir sehen jedenfalls das Potential, unser Tal landwirtschaftlich zu dekarbonisieren.“

www.biwi.it