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Schnitzel mit Doppelstaatsbürgerschaft

Das Verhältnis zwischen Agrarpolitik und Lebensmittelhandel ist facettenreich. Meist wird es von der Kritik
der Agrarfunktionäre am Partner dominiert. Blick ins Land sprach mit Insider und REWE-Manager
Andreas Steidl über Erzeugung und Vermarktung und seine Anforderungen an die heimische Landwirtschaft.

BLICK INS LAND: Billa hat vor einem Jahr mit der Entscheidung, nur mehr ausschließlich österreichisches Frischfleisch anzubieten, aufhorchen lassen und förmlich Begeisterung bei den Bauernvertretern ausgelöst. Wie sehen Sie die politischen Ambitionen der verpflichtenden Herkunftskennzeichnung?
Andreas Steidl: Seit dem EU-Beitritt vor 25 Jahren hat der Lebensmittelhandel überwiegend auf österreichisches Schweine- und Rindfleisch gesetzt. Billa hat jetzt vor allem bei Geflügel und hier insbesondere bei Pute die Vorreiterrolle eingenommen. Nicht zuletzt deshalb, weil sich die österreichische Erzeugung in dieser Tierkategorie durch eine viel nachhaltigere Tierhaltung nachweislich positiv vom Ausland abhebt.

Dann spricht doch nichts gegen eine verpflichtende Kennzeichnung der Herkunft auch bei Rind- und Schweinefleisch.
Steidl: Wir sehen das differenzierter, weil wir bei diesen Tierkategorien eben keine entscheidenden Unterschiede in den Produktions- und Haltungsvorschriften zu allen anderen europäischen Ländern erkennen. Die Besatzdichten und Fütterungssysteme in Österreich sind vergleichbar mit jenen über den Grenzen. Und was sagen wir einem Konsumenten, wenn in 1 kg Schweinefleisch rund dieselbe Menge Sojaschrot – wahrscheinlich aus Brasilien – steckt? Wir glauben nicht, dass der Konsument dies als ausschließlich österreichisches Produkt einstuft. Wahrscheinlich hat das Schnitzel dann eine Doppelstaatsbürgerschaft.

Gegen brasilianisches Fleisch und irische Butter lief in den vergangenen Wochen eine Kampagne einer landwirtschaftsnahen Gruppe. Teilen Sie diese Aufforderung?
Steidl: Sofern wir in Österreich tatsächlich bessere Produktionssysteme haben, könnte ich dieser Forderung etwas abgewinnen. Aber dann müsste sich Österreich auch wie vorher angesprochen, nachweislich von den europäischen Mitbewerbern positiv abheben. Da sehe ich, abgesehen vom Geflügelsektor, wenige Kriterien, die das belegen.  Bei der irischen Rinderhaltung ist eher das Gegenteil der Fall, weil dort die natürlichen Produktionsbedingungen durch den Golfstrom substanzielle Vorteile in der Haltung und Fütterung der Rinder nach sich ziehen. Stichwort ganzjährige Weidehaltung. Die Tatsache, dass Österreich bei Rindfleisch und Milch einen Selbstversorgungsgrad deutlich über 100 Prozent hat, lässt mich die politische Initiative der verpflichtenden Herkunftskennzeichnung zusätzlich hinterfragen.

In den vergangenen Monaten wurde wiederholt die Einführung einer Fleischsteuer diskutiert. In Deutschland ist eine Tierhaltungsabgabe in Ausarbeitung. Wie steht die REWE zu diesen Lenkungsmaßnahmen?
Steidl: Wir sprechen uns generell gegen eine undifferenzierte Steuerbelastung aus. Steuern sollten Anreize schaffen und Systeme in zukunftsweisende Richtungen lenken. Es ist ein Versäumnis der Vergangenheit, dass Steuermittel in enormer Höhe vielfach in den Erhalt nicht mehr zeitgemäßer Produktionssysteme geflossen sind. Spätestens nach dem Tierschutzvolksbegehren im Jahr 1996 hätte klar sein müssen, dass zum Beispiel Vollspaltenböden keine gesellschaftliche Akzeptanz mehr finden. Und trotzdem gab es für diese Systeme Investitionszuschüsse. Wenn jetzt der Konsument für die Sanierung dieser Fehlsteuerung zahlen muss, finden wir das nicht den richtigen Weg.

Unter welchen Voraussetzungen könnten Sie doch noch zu einem Meinungsumschwung bewogen werden?
Steidl: Für uns wäre es wesentlich, dass Programme (unabhängig von der Herkunft), die eine nachweislich vorbildliche Tierhaltung belegen können, von solchen Steuern und Abgaben befreit sind, herkömmliche Systeme ohne nachweisliche Tierwohlstandards jedoch nicht. Die Höhe der Abgabe müsste sich dann für alle Frisch-, Tiefkühl- und Verarbeitungserzeugnisse und alle Absatzschienen (also auch Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung) in etwa am Preisunterschied zwischen den vorbildlichen Tierhaltungssystemen und der heutigen Standardproduktion bewegen. Die Einnahmen wären aber dann auch wieder zweckzubinden, damit in absehbarer Zeit die gesamte Produktion so gelenkt wird, dass keine Steuer mehr anfällt. Somit würde sich diese Abgabe von selbst wieder abschaffen.

Die Kritik an den Preisaktionen des Handels werden immer zahlreicher.
Steidl: Diese Kritik der politischen Funktionäre ist uns bekannt, deckt sich aber nicht mit der Position der landwirtschaftlichen Erzeugerorganisationen. Weil die Vermarkter genau wissen, dass Aktionen den Absatzmarkt beleben und so für die Bauern letztlich insgesamt ein besserer Preis erzielbar ist. Der Umkehrschluss, dass wir zukünftig Kunden nicht mehr über Werbung und Preisaktionen zu mehr Konsum von regionalem Fleisch, Käse, Erdäpfel und dgl. motivieren, löst bei einigen agrarischen Vermarktungseinrichtungen ein Schaudern aus. Die Produkte würden in der Kundenwahrnehmung rasch an Bedeutung verlieren. Das bedingt dann eine geringere Nachfrage und die geht notwendig einher mit einer Preisreduktion. Das sind einfach die Gesetze des Markts im Gegensatz zur Planwirtschaft, die nach allgemeiner Verkehrsauffassung als gescheitert anzusehen ist. Natürlich kann man aber immer über Gewichtung und Ausmaß diskutieren, aber nicht absolut.

Themenwechsel hin zum geplanten Ausbau der Bio-Produktion: Kann der Markt diese Produkte aufnehmen und wäre dadurch die Versorgungssicherheit gefährdet?
Steidl: Wir brauchen überhaupt keine Angst davor zu haben, dass wir durch eine Ökologisierung der Landwirtschaft die Verbraucher nicht mehr versorgen können. Wir liegen bei Rindfleisch und Milch weit über dem Eigenbedarf (siehe Selbstversorgungsgrad 140 bzw. 120 %); Mais und Getreide der österreichischen Ackerbauern werden zu Biogas, Zitronensäure und vielfach außerhalb der Lebensmittelindustrie genutzter Stärke verarbeitet. Dies geht aber aus dem Selbstversorgungsgrad nicht hervor, weil sich dieser eben nicht ausschließlich auf den Lebensmittelverbrauch bezieht. Die bisherigen Argumente beziehen auch die Verwendung von Flächen für die Biogasproduktion, den generell als zu hoch geltenden Fleischkonsum und Lebensmittelverschwendung (von der Produktion über die Vermarktung bis in den Haushalt) nicht mit ein. Da haben wir in der Effizienzsteigerung ausreichend Luft nach oben, um durch eine Ökologisierung keine Verunsicherung bei Verbrauchern auszulösen. Niemand braucht Angst zu haben, dass er mit seiner gewohnten Ernährungsweise auf Genuss, Vielfalt und Kalorien verzichten muss.

Begrüßen Sie die Verschiebung der neuen BioVO der EU?
Steidl: Eindeutig ja, denn jeder Marktpartner braucht für allfällige Anpassungen einen angemessenen zeitlichen Spielraum. Es geht dabei nicht darum, etwas in die Länge zu ziehen, sondern darum, umgehend erforderliche Anpassungsschritte in einer ausreichenden Qualität vollziehen zu können.

Dann sollte dies aber auch für die Weideverpflichtung gelten?
Steidl: Die Weideverpflichtung ist nicht neu, sondern steht in den Grundsätzen der Bio-VO aus 1991. Hier geht es oft darum, dass politisch ausverhandelte Übergangslösungen als dauerhafte Ausnahmen gesehen werden und nicht als das, was sie sind, nämlich „Übergangslösungen“. Sie räumen einen zeitlichen Spielraum dafür ein, dass die Ist-Situation eines Betriebs so angepasst wird, dass sie dann den Grundsätzen der Bio-VO und der ökologischen Ausrichtung voll entspricht.

Was sollen dann Betriebe machen, die keine Möglichkeit der Beweidung finden?
Steidl: Bei allem Verständnis für die betroffenen Betriebe, ohne Weidehaltung kann ich mir eine ökologische, tiergemäße Rinderhaltung nicht vorstellen. Deshalb verfolgen wir auch diesen Punkt seit 15 Jahren konsequent in unseren Richtlinien und Ja! Natürlich konnte nach adäquaten Übergangsfristen und vielen organisatorischen Maßnahmen einen Vorsprung gemeinsam mit den Vertragsbauern und Vermarktungspartnern herausholen.

Und was sagen Sie den anderen rinderhaltenden Bio-Bauern?
Steidl: Wenn natürliche Faktoren, wie z. B. Witterung, Einschränkungen in der Bewirtschaftung nach sich ziehen, können die Bauern diese immer besser akzeptieren, denn die betrachten sie als unveränderlich. Wenn es hingegen um Fragen geht, wie wir z. B. Tiere artgemäß zu halten haben, da möchte gerne jeder seine bestehende Situation zur eigenen Auslegung heranziehen, was „artgemäß“ ist.

Ist dies im pflanzenbaulichen Bereich ähnlich?
Steidl: Auch hier beobachten wir denselben Reflex. Wir haben zum Beispiel seit 14 Jahren die gleichen zentralen Bestimmungen bei den Ja! Natürlich-Ackerbau-Richtlinien. Weil wir sie wieder stärker in Erinnerung gerufen haben, kommt es erneut zu einer grundlegenden Diskussion. Beim Leguminosenanteil sehen einige Bauern die Begrünungsmaßnahmen als ausreichend an. Dem steht aber gegenüber, dass dieser Mindestanteil in einer Fruchtfolge als zusätzlicher Bestandteil zu den Begrünungsmaßnahmen gesehen wird, der neben dem Stickstoffeintrag auch die bodenverbessernden Effekte (Humusaufbau) und auch die Unkrautregulierung beinhaltet. Natürlich gibt es unsererseits ein Verständnis dafür, dass Betriebe alle Möglichkeiten zur Verbesserung ihres Einkommens anstreben. Uns geht es allerdings darum, wie nachhaltig das erfolgt und wie sehr wir das ökologische Versprechen, das mit der Erzeugung der Bioprodukte verbunden ist, gegenüber unseren Kunden glaubwürdig vertreten können. Natürlich bedienen wir uns in der Definition und Auslegung entsprechender Experten und diskutieren die Umsetzung mit Praktikern. Da sind wir aber oft sehr schnell bei dem Punkt des Abwägens der ökologischen mit den ökonomischen Argumenten.

Zur Person
Dr. Andreas Steidl ist gebürtiger Salzburger und seit 17 Jahren für die REWE International AG tätig, davor war er mehr als 10 Jahre bei der AMA-Marketing. Steidl ist im Bio-Bereich (Ja! Natürlich) sowie im konventionellen Bereich für Landwirtschaftsfragen zuständig.


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