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AGES: Experten schätzen Risiken anders ein als Bevölkerung

Terrorismus, Migration und Kriminalität sind die Themen, welche die Österreicher am meisten beunruhigen: Das zeigt eine aktuelle repräsentative Umfrage unter 1.018 Personen, die von der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) gemeinsam mit dem Umweltbundesamt durchgeführt wurde. Die Ergebnisse des „Risikobarometer Umwelt & Gesundheit“ decken sich mit jenen der internationalen Risikoforschung, nicht jedoch mit den Einschätzungen der Experten der AGES. Diese sehen nämlich krankmachende Keime, Antibiotika-Resistenzen und Ernährungsrisiken als Top-Risikothemen. Bei den Rückmeldungen aus der Bevölkerung liegen diese Themen mit 1,4% der Antworten jedoch weit abgeschlagen im hinteren Feld.

„Das Risikobarometer zeigt klar, dass die eigentlichen Sorgen, die sich die Menschen machen, nicht unbedingt mit tatsächlichen Risiken für ihre Gesundheit im Zusammenhang stehen. Ich verstehe es daher als Grundauftrag an die AGES, die Informationen über wissenschaftlich belegbare Risiken dorthin zu bringen, wo sich die Österreicher informieren“, sagte heute AGES-Geschäftsführer Wolfgang Hermann bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bernhard Url, dem Direktor der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA, anlässlich des 15-jährigen Bestehens der beiden Agenturen. „In erster Linie sind hier die bevorzugten Medien das Internet und soziale Netzwerke. Hier müssen wir relevante gesundheitliche Fragen und Antworten positionieren, in Sprache und Emotion verständlich, damit die Menschen auch danach handeln können“, so Hermann. Das Risikobarometer zeige, dass bei vielen Themen Informationsbedarf bestehe.

Bei den Themengebieten Gesundheit und Ernährung sind es in erster Linie Auswirkungen von Chemikalien wie auch Schadstoffen durch Luft, Lärm und Pflanzenschutzmittel auf die menschliche Gesundheit, die am häufigsten beunruhigen, gefolgt vom Thema Antibiotika-Resistenzen. Krankheitserreger beunruhigen die Bürger generell wenig; krankmachende Keime in Lebensmitteln, die von AGES Experten als größtes Risiko für die menschliche Gesundheit gewertet werden, sind für fast die Hälfte der Befragten kein Grund zur Besorgnis. Auffällig ist, dass die heimische Bevölkerung das Thema Fehl- und Überernährung als wenig besorgniserregend einschätzt, sich darüber sehr gut informiert fühlt, allerdings ihr Handeln nicht danach ausrichtet.

Lebensmittel seien aber dank immer besserer Analyse- und Risikomethoden „objektiv betrachtet so sicher wie nie“, unterstrich der AGES-Chef. 2016 habe es bei Lebensmittel-Planproben in Österreich nur 0,3% Beanstandungen gegeben. Diese Wahrnehmung habe sich jedoch durch die häufigere Berichterstattung über Lebensmittel-Rückrufe verändert, so Hermann.

Für die Differenzierung der österreichischen Bevölkerung in Bezug auf ihre Risikowahrnehmung und ihr Risikoverhalten wurden fünf unterschiedliche Typen definiert. Sie unterscheiden sich in ihrer Besorgnis über Risiken, in ihrem Informationsgrad, der Nutzung von Infoquellen, aber auch in ihrem Verhalten nach Berichten über Risiken. „Bei der Kommunikation von Gefahren müssen verstärkt diese Risikotypen berücksichtigt werden, um das Bewusstsein für tatsächliche Gefahren zu schaffen, Ängste abzubauen und qualitätsgesicherte Informationen zielgruppenspezifisch anzubieten.

Das schwindende Vertrauen der Menschen in die Wissenschaft und Fake News sehen Hermann und Url mit Sorge. Reagieren könne die Wissenschaft auf Skepsis nur mit einer Transparenz-Offensive. Auf der Website seiner Behörde würden Datenmaterial, Hintergründe, Methoden, die engagierten Experten und ihre Interessensdeklarationen offengelegt. Er sehe seine Agentur gewissermaßen als „Korrektiv zu Fake News“, so Hermann. Man suche den Dialog mit der Bevölkerung, um deren Vertrauen zu gewinnen.

Im Gespräch mit APA-Science verwies EFSA-Direktor Url auf den Konflikt zwischen Wissenschaft und Werten beim Thema Glyphosat. Hier sei es in Wahrheit Politik und Gesellschaft nicht gelungen, die Diskussion auf sachlicher Ebene zu führen. „Braucht man diese Mittel? Was wären die Vor- und Nachteile, würde man weniger davon einsetzen? Wer trägt die Kosten, und wer hat die Risiken?“, stellte Url in den Raum. Die Wissenschaft sei bei dieser „teils bizarren Debatte“, die im Endeffekt um viele Themen – von Globalisierung bis zur Gentechnik – gekreist sei, unter die Räder gekommen. „Unser Anspruch wäre es, dass die Mitglieder des Europäischen Parlaments ein wissenschaftliches Ergebnis, das transparent zustande gekommen ist, akzeptieren und dem Prozess vertrauen – auch wenn ihnen das Ergebnis ideologisch vielleicht nicht zusagt“, sagte Url.

Url und Hermann betonten bei ihrem Ausblick auf die Herausforderungen im Bereich Lebensmittelsicherheit, dass Zusammenarbeit und Dialog auf allen Ebenen über nationale, institutionelle und fachliche Grenzen hinweg verstärkt werden sollten. EFSA und AGES unterzeichneten daher ein Kooperationsprojekt zur Bekämpfung länderübergreifender lebensmittelbedingter Krankheitsausbrüche. Um im Notfall schnell handeln zu können, werden 50 Epidemiologen, Mikrobiologen, Veterinäre sowie Experten für Lebensmittelsicherheit und Risikokommunikation aus acht EU-Mitgliedstaaten (darunter Österreich) im Mai 2018 in der AGES ein dreitägiges „Planspiel“ zu diesem Thema absolvieren.


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