Foto: Nimmervoll

In den sauren Apfel beißen?

Der Einsatz von Herdenschutzhunden könnte ein Ansatz zur Abwehr von Wölfen sein. STEFAN NIMMERVOLL hat sich im Oberinntal und dem angrenzenden Unterengadin umgehört und ist auf Skepsis und Hoffnung gestoßen.

Die letzten Wochen haben am Nervenkostüm von Alois Monz sichtlich gezehrt. 22 Tiere hat der Obmann des Schafzuchtvereins Serfaus verloren; sein Tierbestand wurde damit um die Hälfte reduziert. „Meine Schafe sind zum Teil elendig krepiert“, wird der gestandene Tiroler emotional, wenn er davon erzählt, wie er im Frühling beinahe jeden Tag neue Kadaver von der Alm bringen musste. So lange, bis sich die Bauern des Dorfes dazu entschlossen haben, ihre fast 300 Tiere Anfang Juni von der Komperdellalm abzutreiben und sie auf eine Weide in der Nachbargemeinde Spiss zu bringen. Aber auch in dieser Gegend wurde mittlerweile Wolfs-DNA an gerissenen Schafen nachgewiesen. „Wir wissen nicht mehr, wie es weitergehen soll“, ist Monz ratlos.

Einige Dutzend Kilometer weiter südlich bei Gaby Famos aus Ramosch im Kanton Graubünden ist die Situation (noch) etwas entspannter. Sie hat auf der Alp Rusena, auf der sie 440 Schafe hütet, noch keine Risse zu verzeichnen gehabt. „Wir hören aber, dass ein Wolf herumschleicht. In Wahrheit ist es also eine Frage der Zeit, bis er auch zu meiner Herde gelangen wird.“ Für alle Fälle will die Hirtin jedenfalls gerüstet sein: Denn neben den blökenden Gesellen verbringen auch Tyson und Flecki den Almsommer hoch oben in den Engadiner Bergen. Der Maremmen-Abruzzen-Schäferhund und der Französischen Pyrenäenberghund sind beeindruckende Gestalten und zeigen dem Gast recht anschaulich, wofür sie zuständig sind. Bei dem lauten Gebell und gelegentlichen Knurren wird schnell klar, dass man die Schafe besser in Ruhe zu lassen hat. „Sie merken sehr genau, wenn Gefahr droht“, erzählt Famos von jener Nacht, in der ein Bär durchgezogen ist und die Hunde unablässig aufgeregt drohend Runden um die Schafe gezogen sind. Meister Petz hat sich jedenfalls nicht in die Nähe der Herde gewagt.

Ein solcher Herdenschutz mit scharfen Hunden sei im touristisch intensiv genutzten Serfaus jedenfalls nicht denkbar, meint Bürgermeister Paul Greiter: „Schutzhunde sind mit einem Gebiet, in dem täglich hunderte Gäste wandern gehen, nicht kompatibel. Zäune kann man in einem solchen Gelände nicht aufstellen. Und eine Behirtung ist erst ab 500 Schafen wirtschaftlich darstellbar.“ Sogar eine Machbarkeitsstudie im Auftrag des Landes Tirol hat ergeben, dass „Umsetzung von Herdenschutzmaßnahmen für einen Teil der untersuchten Schafalmen als technisch nicht machbar erachtet wird.“ Die Almen sind dort unverhältnismäßig groß oder aufgrund ihrer Topografie nicht schützbar. Für andere Bereiche sehen die Autoren aber durchaus Möglichkeiten. „Aufgrund der gegebenen Strukturen mit der traditionellen Bewirtschaftung im freien Weidegang erfordert dies teils grundlegende Anpassungen“, heißt es allerdings in der Zusammenfassung.

Das würde neben dem Einsatz ausgebildeter Hunde bedeuten, dass die Herden permanent behirtet und gelenkt und Nachtpferche errichtet werden müssen. Das habe sich über Jahrtausende bewährt, so sei eine Koexistenz von Beutegreifern und Nutztieren möglich gewesen, argumentieren Wolfsbefürworter. Auf vielen Almen findet eine solche Betreuung des Viehs ohnehin schon statt. Einer parlamentarischen Anfrage der NEOS-Abgeordneten Karin Doppelbauer zufolge wurden 2019 Förderungen für 7.170 Hirten beantragt und 12,7 Mio. Euro an Behirtungsprämien dafür ausbezahlt. Laut AMA bezeichnet der Begriff „Behirtung“ dabei „eine tägliche, ordnungsgemäße Versorgung der Tiere, erforderlichenfalls auch nächtens.“ Zum Zwecke der Behirtung müsse eine Übernachtungsmöglichkeit für den Hirten auf der Alm vorhanden sein. Ob diese Vorgaben tatsächlich immer so eingehalten werden, wird von Naturschützern allerdings in Frage gestellt, zumal zugleich von der Landwirtschaft seit Jahren ein Mangel an Hirten beklagt wird. Sie wollen oft den Einsatz von „Papierhirten“ erkennen.

Kommen Herdenschutzhunde zum Einsatz, kann das jedenfalls nur in Kombination mit permanenter Anwesenheit und Leitung eines Menschen geschehen. Denn ganz harmlos sind die selbstbewussten Bewacher nicht. Das räumt auch Jan Boner, der Herdenschutzbeauftragte des Kantons Graubünden, ein. Es ließe sich demnach nicht ganz vermeiden, dass Hunde auch in Zukunft beißen. „Von tausenden Passanten macht vielleicht einer einen Fehler und der Hund schnappt zu.“ Tyson und Flecki haben trotz ihres martialischen Auftretens laut Gaby Famos bisher noch niemanden gezwickt. Anders als die Serfauser Schafe grasen ihre rätoromanischen Artgenossen allerdings fernab jeglicher Touristenrouten. Zur Alp Rusena sind es zwei Stunden Fußmarsch über steile Steige, die nicht einmal als Wanderweg erfasst sind. Öfters als zwei, drei Mal im Jahr, kommt hier kein Besuch vorbei. „Dennoch bin ich überzeugt, dass es viel braucht, bis meine Hunde beißen“, meint Famos. Eine Beschwerde habe es erst einmal gegeben, als sie mit ihnen auf der Frühjahrsweide im Tal gewesen ist und diese eine Spaziergängerin ordentlich verbellt haben.

In der Schweiz ist man den österreichischen Bauern beim Herdenschutz mit Hunden um viele Jahren voraus. Alleine im Kanton Graubünden leben rund 140 Vierbeiner auf rund 50 Betrieben.

Die Tiroler Almbewirtschafter erwischt die Wiederkehr des Wolfes jedoch augenscheinlich am falschen Fuß. Zu lange hat man sich offenkundig darauf verlassen, diesen im Falle des Falles ohnehin abschießen zu dürfen. Schafbauer Alois Monz meint selbst: „Wir haben das Thema zu lange verdrängt. Wir sind aber bereit, neue Dinge auszuprobieren.“ Er habe aber nicht das Gefühl, dass solche Maßnahmen langfristig Sinn haben könnten. Für Herdenschutzprojekte stellt das Land Tirol jedenfalls 2020 und 2021 je 500.000 Euro zur Verfügung. Parallel dazu startet per September ein Herdenschutzprojekt namens „LIFEstockProtect“ unter der Führung von Bio Austria Niederösterreich/Wien. Über fünf Jahre hinweg soll damit die Fachkopetenz unter österreichischen, bayerischen und Südtiroler Landwirten gehoben werden. 180 Schulungen und Workshops sind geplant.

Einen hundertprozentigen Schutz wird es trotz Hund und Hirt allerdings trotzdem nicht geben, wenn sich die Wölfe vermehrt zu Rudeln zusammenschließen. Gaby Famos kennt etwa die Geschichte einer Kollegin aus der Zentralschweiz, der die Raubtiere drei Schafe aus einem eingezäunten Pferch geholt haben, obwohl dort neun Hunde ihren Dienst versehen haben. Jede Alp wird angesichts von sieben aktiven Wolfsrudeln in Graubünden laut Jan Boner ohnehin nicht zu schützen sein: „Ja, es werden welche aufgegeben werden, andere werden sich professionalisieren und vielleicht zusammenarbeiten.“ Gute Ratschläge möchte der Schweizer Experte lieber nicht über die Berge nach Tirol schicken: „Jeder muss selber lernen. Angesichts der Tatsache, dass weltweit unzählige Landwirte solche Hunde einsetzen, bleibt den Bauern dort nur übrig, in den sauren Apfel zu beißen und mit dem Lernen zu beginnen, wenn sie mit ihren Tieren überleben wollen.“

Jeden Text kann man interpretieren wie man will. Diese Erkenntnis drängt sich aktuell bei der Beantwortung einer Anfrage von Alexander Bernhuber, Simone Schmiedtbauer, Barbara Thaler und Herbert Dorfmann auf. Die vier EU-Parlamentarier wollten von Umweltkommissar Virginijus Sinkevicius wissen, wie die Europäische Kommission in Bezug auf den Wolf weiter vorzugehen gedenkt. Der Litauer erteilte in seiner Beantwortung einer Überarbeitung der FFH-Vorgaben eine Absage, kündigte aber an, Leitlinien auszuarbeiten, um deren Anwendung zu erleichtern. Darin erkennt die Tiroler ÖVP-Abgeordnete Thaler eine Bewegung von Seiten der Kommission und hofft auf die Möglichkeit einer einfacheren Entnahme von „Problemwölfen“. Der WWF liest aus denselben Zeilen hingegen eine Bestätigung des bisherigen strengen Schutzes des Wolfes heraus. „Wolfsfreie Zonen“, wie sie etwa die Gemeinde Serfaus in einer Petition fordert, sind dem Schreiben nach jedenfalls generell nicht mit EU-Recht vereinbar. Tirols Landeshauptmann Günther Platter kündigte aber einen Vorstoß in der Arbeitsgemeinschaft der Alpenländer an, um den Schutzstatus zu senken. Zugleich kämpft der Verein zum Schutz und Erhalt der Land- und Almwirtschaft in Tirol, dessen Obmann LK-Präsident Josef Hechenberger ist, für eine „Alm ohne Wolf“.


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