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In Bildung investieren

 

Christiane Teschl-Hofmeister ist Landesrätin für Bildung in Niederösterreich. In ihrer ersten Amtszeit hat sie mehrere Schulschließungen umzusetzen. Gleichzeitig erfährt Landwirtschaft eine Aufwertung. ALOIS BURGSTALLER führte mit der Landesrätin ein Gespräch über Baustellen vielerlei Art im landwirtschaftlichen Schulwesen.

Blick ins Land: Das Gesundheitsthema verfolgt die Schulen anhaltend in Form von Corona. Wie schauen die Pläne aus?

Teschl-Hofmeister: Es war großartig zu sehen, wie flexibel und schnell die Schulen auf die digitale Herausforderung reagiert haben. Wir haben nun Leitfäden und Instrumente, die uns helfen, indem sie konkrete Schritte und Handlungsanleitungen vorgeben. Die allgemeinen Abstands- und Hygieneregeln gelten jederzeit.

Gab es Virenträger?

Wir hatten einzelne Verdachtsfälle und positive Fälle. Wie zu reagieren ist, ist ab jetzt klar geregelt: Das hilft auch, die Angst in den Griff zu bekommen.

Haben Eltern wegen Corona Bedenken, ihre Kinder in eine Internatsschule zu geben?

Laut Vorgaben des Bundes gilt ein Internatszimmer als Haushaltsgemeinschaft und die Zimmer können normal belegt werden.

Welche Berechtigung haben Internate heute noch?

Wenn die Anreise zu lang dauern würde, sind sie eine Notwendigkeit. Außerdem bilden sich dort Freundschaften, die ein Leben lang halten. Diese gemeinsame Zeit ist mit nichts zu vergleichen und schweißt zusammen. Solche Netzwerke können im späteren Leben sogar wirtschaftliche Vorteile bringen.

Wenn nur 1–2 Kinder am Hof sind, fällt es da den Eltern nicht sehr schwer, sie ins Internat zu geben?

Eltern fällt das immer schwer. Aber es stärkt die Eigenständigkeit der Schüler. Was die Schüler in der Schule lernen, können sie zuhause am Wochenende, in den Ferien, ausprobieren. Es sind halt manchmal die Umstände so, dass ohne Internat der Schulbesuch auch gar nicht möglich wäre.

Die Bauern werden weniger. Können Sie die Schülerzahlen trotzdem halten?

Die Schülerzahlen sind relativ konstant. Wir haben rund 3.000 Schüler. Jetzt durch Corona hat die Landwirtschaft wieder einen Bedeutungsschub erfahren. Da erwarte ich bei den Schülerzahlen sogar leichte Steigerungen.

Schule ist eine Bildungs-, eine Ausbildungs- und eine Erziehungsstätte. Man liest immer wieder, dass der Gebrauch von Psychopharmaka in der Landwirtschaft relativ hoch sei. Nehmen Sie diesen Umstand zum Anlass, in der Schule darüber zu reden?

Im Lehrplan ist es nicht speziell vorgesehen. Der Bedarf nach Problemverarbeitung durch Schulsozialarbeiter nimmt allgemein zu. Die Lehrenden an den Internatsschulen kennen ihre Schüler am besten. Wenn da Probleme auftauchen, merken die das schnell und man kann Gespräche führen. Ein Unterrichtsfach daraus zu machen, scheint mir übertrieben.

Anlass für die Frage ist die Präsentation des hochprozentigen Haselnussgeists in der Schule Gießhübl.

Ich glaube, wenn man so hochqualitative Produkte selbst herstellt, ist der Umgang damit ein anderer, als wenn man es nur konsumiert. Dabei geht es um ein lukullisches Thema und weniger um Droge und Missbrauch. Der Stolz der Hersteller macht sie vielleicht gefeit vor Missbrauch.

Bisher haben Landwirtschaftsschulen zu einer Verfestigung der traditionellen Geschlechterrollen beigetragen. Versuchen Sie dies aufzubrechen bzw. ist das überhaupt notwendig?

Ja, die versuchen wir ganz grundsätzlich und nicht nur im landwirtschaftlichen Bereich aufzubrechen. Es wird nicht schnell gehen, aber wir setzen eindeutige Schritte. Ein ganz konkretes Beispiel ist die Fusionierung von Unterleiten und Hohenlehen. Wenn Mädchen und Burschen im selben Gebäudekomplex unterrichtet werden, können sie voneinander profitieren und lernen. Wir stärken außerdem in allen landwirtschaftlichen Fachschulen den Sozialbereich extrem, und der kann auch für Männer spannend sein.

An welchen Standorten setzen Sie soziale Schwerpunkte?

In sechs Fachschulen bieten wir die Heimhilfe als Ausbildung an und an drei Standorten fangen wir heuer mit einer vierjährigen Ausbildung an. Diese Ausbildung ist sehr lokal nutzbar. Die Suche nach Pflegekräften ist so stark, dass man fast eine Jobgarantie geben kann. Die Schüler können später immer noch in eine andere Ausbildungsrichtung abbiegen, aber sie haben dadurch eine solide Basis. Die Heimhilfe ist mit der Landwirtschaft ja gut kombinierbar.

Werden die künftigen Bäuerinnen und Bauern solche Jobs vor Ort finden können?

Ja, und wichtig: Wir bieten den sozialen Schwerpunkt auch für die Burschen an. Es werden ihn zwar die Mädchen vermehrt wählen, weil sie sich dazu inspiriert fühlen. Männer werden aber im Pflegebereich extrem wohlwollend von den Patientinnen und Patienten angenommen.

Werden auch Bauern künftig als Pfleger arbeiten?

Ja! Und es gibt sie schon. Im Rahmen von GreenCare geschieht ja bereits Betreuung am Hof. Ein Zubrot, eine sinnstiftende Tätigkeit, die man mit der Landwirtschaft gut verbinden kann.

Wieviel gibt das Land für die Agrar-Schulen aus?

110 Millionen wird das Land bis 2023 in den Ausbau der berufsbildenden Landesschulen investieren. Egal in welche Schule man zurzeit fährt, es wird gebaut.

Die Coronakrise hat der Selbstversorgung und Subsistenzwirtschaft wieder mehr Bedeutung verliehen. Rechnen Sie mit einem anhaltenden Trend?

Wir sollten durch die Krise gelernt haben, dass Abhängigkeit vom Ausland Nachteile hat. Man hat in der Umgebung gezielt nach Direktvermarktern gesucht, weil die Unsicherheit der Versorgung sich ins Bewusstsein gedrängt hat. Dieser Trend wird anhalten. Das wird der agrarischen Ausbildung sehr guttun. Auch die Erwachsenen fragen verstärkt die landwirtschaftliche Facharbeiterausbildung nach.

Sie sind Politikerin. Woran können wir Ihren Einfluss im Schulwesen ablesen?

Ich bin noch zu kurz dabei, um dem landwirtschaftlichen Schulwesen schon meinen ganz persönlichen Stempel aufgedrückt zu haben. Ich baue auf den guten Planungen vor meiner Zeit auf. Die Investitionen machen die Schulen so groß, dass sie auch gut funktionieren können. Deswegen bleiben von 18 Standorten 11. Jede Schule soll eine Besonderheit haben, mit der sie für sich werben kann. Die Fachschulen sind jetzt besser für den Wettbewerb gerüstet. Die modernisierte Infrastruktur macht die Schulen attraktiver. Das pädagogische Personal ist gut ausgebildet. Die schuleigenen Ab-Hof-Läden sind hervorragende Ausbildungsstätten für Marketing. Wenn man sich anschaut, welcher Spirit da herrscht, dann ist es bisher gut gelaufen.

Ohne werten zu wollen, welches Beispiel fällt Ihnen ein?

Die Hohenlehener Teichwirtschaft, deren Produkte sensationell schmecken. Sie ist das Ergebnis von Innovationsdruck: Was können wir machen, was die anderen nicht haben?

Die Schulen stehen untereinander im Wettbewerb. Bringt das wirklich Vorteile?

Doch! Wenn der Effekt ist, dass man sich selber verbessert, dann ist Wettbewerb gut. Sich zu fragen, warum haben wir weniger Schüler als die anderen, kann nicht falsch sein. Setzen wir uns zusammen, und schauen wir, wie wir sie zurückbekommen. Sich Gedanken über die Zukunft zu machen, ich weiß nicht, wer da etwas dagegen haben soll. Auf und Abs bei den Schülerzahlen muss man sowieso verkraften können. Wir unterstützen es gerne, wenn sich Schulen überlegen, wie sie mehr Schüler bekommen.

Immer mehr Schüler kommen aus agrarfernen Sektoren. Sie grasen in fremden Revieren?

Nein! Ungefähr 20 Prozent der Schüler haben keinen landwirtschaftlichen Hintergrund. Die Themen Umwelt, Natur und Umweltschutz sind interessant, und Interesse ist für Schüler immens wichtig. Auch die Allgemeinbildung hat an landwirtschaftlichen Fachschulen einen wichtigen Platz. Betriebswirtschaft und Unternehmerdenken hilft auch in landwirtschaftsfernen Berufsfeldern. Ich glaube also nicht, dass wir fremdgrasen. Die Abgänger von landwirtschaftlichen Fachschulen haben einfach gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt, weil sie bei uns gut ausgebildet werden.

Was schätzen Sie an Ihrem Amt?

Ich freue mich auf jeden Besuch in einer Schule. Ich wünsche den Schülern und Schülerinnen, die diese Schulen abschließen, dass sie auch diesen Stolz verspüren können.

ZUR PERSON: Mag. Christiane Teschl-Hofmeister ist gebürtige Kremserin, studierte Publizistik und war auch Chefredakteurin beim ORF-NÖ. Sie ist für das öffentliche Schulwesen zuständig, auch für Frauen, Soziales und Jugendangelegenheiten. Sie ist verheiratet, hat ein Kind und ist seit März 2018 Landesrätin in der nö. Landesregierung.


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