„Nicht mit Agrardiesel abspeisen lassen“
ERNST TSCHIDA ist als Organisator der großen Bauerndemo in Wien und Obmann von Bündnis Zukunft Landwirtschaft in der Bauernschaft ein „Mann der Stunde“. STEFAN NIMMERVOLL hat mit ihm über seine Motivation für den Protest gesprochen.
Vor wenigen Monaten war der Name Ernst Tschida nur Burgenländern bekannt. Wie fühlt es sich an, plötzlich einer der relevantesten Meinungsmacher in der Landwirtschaft zu sein?
Ich fühle mich nicht als relevanter Meinungsmacher, sondern nur als Landwirt aus der Praxis, der die Probleme aufzeigt.
Die Regierung hat gerade voller Stolz angekündigt, dass der Agrardiesel wiederkommen wird. Wie viel von dem Erfolg darf sich das Bündnis Zukunft Landwirtschaft auf die Fahnen heften?
Überhaupt nichts. Das war absichtlich keine Forderung von uns, weil das Thema in Deutschland in der Bevölkerung nur Neid erzeugt hat. Die Landwirtschaft soll sich damit nicht leicht abspeisen lassen.
Bei der Herkunftskennzeichnung wird es aber vermutlich keine zufriedenstellende Lösung geben.
Die Herkunftskennzeichnung ist ein Schlüssel, damit wir ein höheres Einkommen erzielen können. Wenn die Politik es nicht schafft, das umzusetzen, muss sie der österreichischen Landwirtschaft eine andere Perspektive bieten.
Die da wäre?
Dementsprechende Zahlungen, die aus öffentlichen Mitteln zu begleichen sind. Wir brauchen ein Angebot der gesamten Bundesregierung, wie wir wieder mehr Wertschöpfung auf die Betriebe bringen.
Gerade wird das Doppelbudget verhandelt. Es wird überall gespart. Wie soll es gehen, dass ausgerechnet die Landwirtschaft mehr bekommt, wenn zum Beispiel bei den Pensionisten gespart wird?
Das ist ein großes Missverständnis. Bei anderen Berufsgruppen – und auch bei den Pensionisten – wird jedes Jahr inflationär angepasst. Seit Februar 2022 hat diese 27,4 Prozent betragen. 50 Prozent unseres Einkommens stammen aus öffentlichen Mitteln, die nicht erhöht wurden. Auch mit den Produktpreisen konnten wir kein Umsatzplus erzielen. Und nur durch Betriebswachstum, Pflanzenschutz oder Ertragsszuwachs können wir die prozentuelle Steigerung bei der Inflation nicht mehr aufholen.
Also sind Sie mit der Ankündigung des Ministers nicht zufrieden?
Wir hätten mit dem Agrardiesel zweimal 50 Millionen Euro mehr. Das ist keine Inflationsanpassung, sondern eine Zweimalzahlung. Wie es nach 2028 weitergeht, weiß keiner. Wir möchten dann nicht erneut verhandeln müssen, damit wir wieder am selben Stand sind wie vor drei Jahren.
Liegt der Schlüssel in Brüssel oder in Wien?
Überall. Aber Agrarpolitik wird auf höchster Ebene von Kommissionspräsidentin von der Leyen gemacht. Sie hat Mercosur ohne Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes durchgepeitscht.
Eigentlich ist die Landwirtschaft im Parlament ja proportional zur Gesamtbevölkerung übervertreten.
Wenn wir als Bauern wirklich so mächtig wären, würden wir unsere Forderungen besser durchbringen. Die Herkunftskennzeichnung wurde bisher immer abgelehnt.
Es hat von der Notwehrgemeinschaft der Bauern über die IG Milch bis zur AGÖ schon ähnliche Initiativen gegeben, die gehypt wurden und dann wieder aus dem Fokus verschwunden sind. Warum soll ihr Bündnis keine Eintagsfliege bleiben?
Wir wollen keine fundamental-oppositionelle Meinung machen, sondern im Dialog mit allen Seiten bleiben. Unparteiisch zu sein, ist unser größter Vorteil.
Sie sind aber selber schwarzer Kammerrat im Burgenland.
Sehr viele Landwirte fühlen sich beim Bauernbund nicht mehr ganz wohl. Damit die Leute überhaupt zu mobilisieren sind, war es uns schon beim ersten Protest in Parndorf wichtig, unabhängig unterwegs zu sein. Zugleich haben wir aber auch gesagt, dass der Bauernbund die größte agrarpolitische Vertretung in Österreich ist und es ohne ihn nicht geht. Die Botschaft war: Bitte alle kommen, aber ohne, dass ihr eine Bühne bekommt.
Dann hat es aber sogar ein Instagram-Video gegeben, in dem Minister Totschnig und Bauernbund-Präsident Strasser am Weg zur Demonstration sind. Ist es dem Bauernbund doch geschickt gelungen, den Aufmarsch als den seinen zu kapern?
Unsere größte Sorge war, dass wir ins rechte Eck gestellt werden. Das haben wir verhindert, indem wir mit allen Organisationen, auch mit Umweltverbänden, gesprochen haben. Was wir aber unterschätzt haben, ist, dass man unsere Demo auch instrumentalisieren kann. Das haben alle versucht; die AGÖ, die Freiheitlichen Bauern und auch der Bauernbund und das Landwirtschaftsministerium. Die einen waren dabei erfolgreicher, die anderen weniger.
Die Spitzen der Agrarvertretung sitzen in Regierung, Parlament und Kammer. Ist der Eindruck „die Politik demonstriert gegen sich selber“ nicht ein wenig schräg?
Ich habe den agrarpolitischen Vertretern zwei Wochen vor der Demo mitgeteilt, dass wir in die Hauptstadt gehen und dass sie uns nicht im Weg stehen, sondern mit uns mitgehen sollen. Es ist wichtig, dass wir gemeinsam zusammenstehen.
Hinter vorgehaltener Hand sind nicht alle ÖVP-Vertreter happy mit dem Wirbel, den sie geschlagen haben. Hat es einen rügenden Anruf gegeben?
Nein. Ich weiß, dass viele nicht happy waren – vor allem die, die nicht dabei waren. Die anderen könnten nämlich berichten, wie die die Dinge verlaufen sind, dass es eine sehr friedliche Demo war und dass es längst überfällig war, die Probleme so aufzuzeigen.
Wie weit darf man sich denn als Bauernbund-Funktionär hinauslehnen, ohne als Nestbeschmutzer zu gelten?
Das weiß ich noch nicht.
Wird Ernst Tschida ÖVP-Kammerrat bleiben oder gibt es Angebote von anderen Parteien?
Nein, die gibt es nicht.
Und sie befürchten auch nicht, dass irgendwann ihr Kammerpräsident Berlakovich einen Strich zieht und sagt: „Bis hierher und nicht weiter!“?
Ich weiß, wie ich die Lage einzuschätzen habe. Unser Präsident kennt mich sehr gut. Ich versuche, immer diplomatisch zu bleiben und möchte der ÖVP auch nicht den Rücken kehren. Der Bauernbund ist die größte agrarische Vertretung. Dessen Kraft müssen wir nützen, um als Bauern unsere Forderungen mit einer starken Stimme zu formulieren.
Anderswo kippen solche Demos in Ausschreitungen.
Es haben sich alle davor gefürchtet, dass es vielleicht dazu kommt, wie in Brüssel oder in Frankreich. Für uns war es schon eine Herausforderung, das im Zaum zu halten. Deshalb haben wir selbst einen gewissen Aktionismus organisiert. Es wurden eine riesige Schachfigur und ein Klagebaum, auf dem sich die Bauern mit Forderungen verewigen konnten, aufgestellt. Natürlich hat es auch Landwirte gegeben, die Kartoffeln abkippen wollten. Das haben wir verhindert. Stattdessen haben wir friedlich Obst und Gemüse verteilt.
Von manchen Teilnehmern sind aber schon recht deftige Worte gefallen. Die Jungbauern-Obfrau Viktoria Hutter wurde danach auch im Internet beschimpft. Muss man das als Politiker akzeptieren?
Das muss man als Politiker vollkommen aushalten. Da gibt es keine Diskussion. Es kann auch sein, dass es irgendwann zu Ausschreitungen kommt, wenn wieder eine Demo stattfindet. Das können wir als Organisatoren nicht immer garantieren.
In Oberösterreich gibt es eine Veranstaltung, die vom, manchmal sogar als rechtsextrem bezeichneten, Fernsehsender RTV mit organisiert wird. Besteht die Gefahr, dass Teile der Bauernschaft in eine radikale Richtung abbiegen?
Da ich nicht RTV schaue, kann ich das nicht einschätzen. Aber natürlich werden auch dort Bauern sein. Mein Zugang ist, dass wir es schaffen müssen, dass wir auch die, die so frustriert sind, dass sie dort hingehen, in einer gemeinsamen Interessensvertretung auffangen und zusammen für mehr Wertschöpfung kämpfen.
In Wien hat man auch viel schöne, große und teure Traktoren gesehen. Jetzt wissen wir beide, dass das Arbeitsgeräte sind. Aber wie kommt die Botschaft bei der Bevölkerung an, wenn mit glänzenden Riesen im Kostenbereich mehrerer hunderttausend Euro um den Ring gefahren wird?
Präsident Strasser hat gemeint, wir sollen nicht mit den größten Traktoren in die Stadt kommen. Aber wir haben leider keine kleinen mehr, weil wir sonst die durch den Strukturwandel entstandenen Flächen nicht mehr bewirtschaften könnten. Ein Fahrer und ein Traktor müssen in der Ackerbauregion mittlerweile 150 Hektar alleine bewirtschaften können. In der Landwirtschaft brauchen wir über 600.000 Euro Kapital pro Arbeitsplatz, die Industrie im Vergleich 340.000, der Handel nur 140.000. Viel Kapital, um weniger als den Mindestlohn zu erzielen. Die Verzinsung von 30.000 Euro bei fünf Prozent lässt sich damit kaum erwirtschaften.
Sind höhere Produktpreise überhaupt politisch gewollt?
Der Finanzminister hat gesagt, die Butter ist zu teuer. Dann ist das Viertelkilo von drei auf unter einem Euro runtergegangen. Wie man ein landwirtschaftliches Produkt so schnell entwerten kann, verstehe ich nicht. Deshalb bin ich auch gegenüber der Mehrwertsteuersenkung sehr kritisch eingestellt. Der Konsument wird sie nicht wirklich spüren. Wenn wir als Landwirte diese fünf Prozent bekommen würden, würde das unsere Wertschöpfung fast verdoppeln. Die Senkung ist bei der Semmel mehr als wir für den Weizen erhalten. Da passt die Relation nicht mehr. Da muss uns der Herr Finanzminister eine Lösung anbieten.
Hätten Sie Vorschläge?
Eine wichtige Rolle spielt der Tourismus, über den viel Geld aus dem Ausland hereinkommt. Er lebt von der Landwirtschaft. Wenn wir ein paar tausend Hektar pro Betrieb brauchen, um leben zu können, wird das dem Gast aber nicht gefallen. Deshalb braucht es eine Umschichtung der Ortstaxe für 150 Millionen Nächtigungen an die Landwirtschaft. Nur ein Euro davon würde schon viel helfen.
Der Milchverband fordert, die wichtigsten Grundnahrungsmittel aus Rabattaktionen auszunehmen. Wäre das sinnvoll?
Ich verstehe jeden Konsumenten, der die Rabatte nutzt, weil wir in Österreich eine riesige Aktionskultur haben. Es ist aber zu hinterfragen, ob es bei den LEH-Ketten nicht insgesamt mehr gesetzliche Regulierungen braucht. 50 Prozent Rabatt auf Fleisch ist eine Sauerei. Da braucht es einen komplett neuen Zugang.
Die Rahmenbedingungen sind das eine. Viele Bauern kennen, auch aufgrund der Pauschalierung, aber schlicht ihre Zahlen nicht. Braucht es mehr Wirtschaftsbildung für erfolgreichere Betriebe?
Ja. Die Pauschalierung hat aber schon ihre Berechtigung, speziell für Nebenerwerbsbetriebe und für Höfe in Regionen, in denen sie einen wichtigen Dienst für den Erhalt der Landschaft leisten. Wenn sie dazu noch eine riesige Verwaltung hätten, würden sie sich die Arbeit gar nicht mehr antun. Das Problem ist aber, dass manche Zahlen im Grünen Bericht zu hinterfragen sind. Wenn man Nebentätigkeit und Sondereinkommen durch Verkauf von Flächen oder Maschinen mit einberechnet, verfälscht das das Ergebnis. Das dient aber als Basis für politische Entscheidungen. Das gehört geändert, damit wir in der Gesellschaft darstellen können, wie wenig Wertschöpfung wir wirklich aus dem Produkt erzielen können.
Sie wirtschaften im Ackerbau und kommen aus einer Winzerfamilie – zwei Sektoren in der Krise. Haben Sie auch persönlich Zukunftsängste?
Ich habe Bedenken, aber das Glück, dass ich einen Betrieb übernommen habe, wo Eigentum da ist. In den letzten vier Jahren konnten wir, nur von der Arbeit selbst, kein positives Einkommen erzielen, da 2022 und 2023 die trockensten Jahre der Aufzeichnungsgeschichte waren und ab 2024 die Preise verfallen sind.
Bei ihrer Demo hat es viele Emotionen und Klagen gegeben. Jammern wir die Landwirtschaft nicht noch kränker, als sie ohnehin schon ist?
Nein, weil viele Betriebe von der Substanz leben. Die Bauern sind vermögend, weil sie dementsprechend Land haben und dessen Wert sehr stark gestiegen ist. Das Geld für Grundverkäufe ist in die Betriebe eingeflossen, aber nicht aus der Landwirtschaft gekommen. Hier im Seewinkel entstehen immer mehr Photovoltaikparks. Sie bringen gute Renditen. Die Landwirtschaft selber kann da aber nicht mehr mithalten. Nach einem guten Jahr den Hof durch Zukauf zu erweitern, ist bei den Preisen, die verlangt werden, de facto nicht mehr möglich. Zugleich müssen wir aber immer mehr bewirtschaften, um dasselbe Einkommen zu erzielen. Bei uns im Trockengebiet sind wir ständig in Zugzwang, weiter größer zu werden. So kommt es dazu, dass wir im Osten Betriebe haben, die 20 Hektar Eigentum haben und 400 Hektar bewirtschaften
Mit Jammern wird man die nächste Generation aber nicht motivieren können, weiterzumachen. Müsste man nicht eher die Chancen und positive Beispiele aufzeigen, wie es gehen könnte?
Perspektiven für die junge Landwirtschaft sind eines unserer Kernthemen. Man muss aber schon ein ehrliches Bild zeichnen und die Probleme offen ansprechen.
Gibt es unterm Strich eine „Zukunft Landwirtschaft“?
Es gibt sie, wenn man die politischen Rahmenbedingungen dafür schafft.
Ernst Tschida ist Absolvent des Francisco-Josephinums in Wieselburg und führt den Biohof Heideboden, einen Ackerbau- und Holunderbetrieb mit 38 Hektar in Pamhagen und 550 Hektar im angrenzenden Ungarn.

