Foto: Wech

Putenmäster dringend gesucht

Puten galten jahrelang als das Sorgenkind schlechthin in der heimischen Landwirtschaft. Mit dem Umstieg des Handels auf österreichisches Fleisch tun sich nun aber neue Marktchancen auf. Plötzlich sind die viel gescholtenen höheren Auflagen sogar ein Verkaufsargument.

Die Produktion von Truthühnern war in der Dauerkrise. Als zu teuer galt die hiesige Ware im Vergleich zu Billigimporten aus Deutschland, Italien oder Polen, nachdem die Besatzdichte hierzulande radikal reduziert worden war. Auf, je nach Zahlenmaterial, bis zu nur noch 35 Prozent war der Eigenversorgungsgrad gefallen. Im Wirtshaus durfte man getrost davon ausgehen, dass das Putenschnitzerl sicher nicht aus Österreich stammen konnte. Zugleich sank der Pro-Kopf-Verbrauch von 4,1 auf 3,2 Kilo, weil es um das Image der Vögel alles andere als gut bestellt war. Für die Politik war die Produktion von Puten somit der Inbegriff der Auswirkungen gut gemeinter, aber letztlich überzogener Vorgaben beim Tierwohl.

Den Truthennen werden die Antibiotika mit dem Löffel gefüttert. Dieses Bild haben viele Konsumenten immer noch im Kopf, wenn sie an Putenfleisch denken. Ein Bild, das in Österreich laut Andreas Planegger so ohnehin nie gestimmt hat. „Aber wir kämpfen immer noch mit Skandalen, die sich in Deutschland zugetragen haben“, erzählt der Kärntner aus St. Georgen am Längsee, dessen Familie sich seit 30 Jahren mit dem Geflügel beschäftigt. 20.000 Tiere an drei Standorten mästet er und gehört damit zu den größeren Produzenten in Österreich. Im internationalen Vergleich ist sein Bestand dennoch klein. Zehn bis zwanzig mal so viel sind es in manchen Betrieben in Deutschland oder Polen. Der Unterschied ist aber nicht nur die schiere Größe. In Planeggers Ställen stehen den Tieren neben mehr Platz auch erhöhte Sitzebenen und ein Auslauf in den Wintergarten zur Verfügung. Außerdem wird ausschließlich gentechnikfreies Futter eingesetzt.

All das kostet Geld. Österreichische Putenbrust war im Supermarkt bis vor kurzem deshalb um 13,99 Euro pro Kilo angeschrieben. Ausländische Ware gab es schon um 5,99. Trotzdem waren die Margen für die gesamte heimische Branche schmal. Den meisten Konsumenten war der Preisunterschied schlicht zu groß; ganz zu schweigen von der Gastronomie und den Großküchen. Weil der Sektor darbte, wurden keine neuen Ställe mehr errichtet. Durch die Senkung der gesetzlich erlaubten Besatzdichte von 60 auf 40 kg/m³ ging die Produktion von einem Tag auf den anderen um ein Drittel zurück. Der Großabnehmer Hubers Landhendl stieg in Folge vor zwei Jahren aus den heimischen Puten aus. Damit verblieb als einziger Schlachter die Firma Wech aus Glanegg im Glantal in Kärnten. Sie fing die Landwirte, die dann ohne Abnehmer dastanden, auf.

Ein Hoffnungsschimmer kam mit dem Projekt „fairHOF“ des Diskonters Hofer, in das auch Andreas Planegger liefert. Dort sind die Haltungsvorgaben zwar nochmals strenger als vom Gesetz ohnehin schon vorgesehen. Dafür wurden aber erstmals relevante Mengen an Fleisch mit dem AMA-Gütesiegel in den Markt gebracht. Auch als Rohstoff für Wurst und Schinken lässt die Kette heimischen Rohstoff verwenden, womit ein Überschuss an Verarbeitungsfleisch verhindert wird. Mit dem im Frühsommer vollzogenen Umstieg von Billa auf 100 % österreichisches Frischfleisch scheint nun die endgültige Trendumkehr gekommen. Der Konzern investiert derzeit in den Aufbau des Programms und bietet die heimischen Brüste um 9,99 Euro pro Kilo an. Der Obmann der Geflügelmastgenossenschaft Österreich, GGÖ, Markus Lukas, spricht von einem „Neustart“ in der Branche. „Der Druck auf Spar, Lidl und Hofer ebenfalls nur noch heimische Ware anzubieten, wird steigen“, glaubt der steirische Hendlmäster, über dessen Verband ein Teil der Putenbauern organisiert ist. Auf einmal ist nun zu wenig heimische Pute vorhanden. Die Nachfrage bei Billa ist so groß, dass die Regale gegen Abend oftmals leergeräumt sind.

Karl Feichtinger von der Firma Wech sucht deshalb händeringend nach Lieferanten, die neu in die Putenmast einsteigen wollen. Das Schlachtunternehmen bietet sogar einen Investitionskostenzuschuss von zehn Prozent. „Wir helfen bei der Planung, in der Bauphase und zum Start der Mast. Damit sind auch Bauern, die bisher nichts mit Truthähnen zu tun hatten, gut aufgehoben.“ Außerdem werden Fixpreise nicht nur für die ausgemästeten Tiere, sondern auch für die Küken und das Futter vereinbart. Der Landwirt weiß damit vorab genau, wie viel ihm bei guter Bestandsführung überbleiben kann. Auch GGÖ und Landwirtschaftskammer unterstützen Bauern beim Einstieg. Zusätzlich zum verstärkten Engagement von Wech will Hubers Landhendl in den Markt zurückkehren „Wir sind auf der Suche nach Mästern und einem Standort für eine Putenschlachterei“, bestätigt Geschäftsführer Johannes Huber. Bis 2018 hatte man heimische Tiere noch im benachbarten Bayern geschlachtet und daher den Preisvorteil durch das AMA-Gütesiegel nicht nutzen können.

Aktuell befassen sich in Österreich 165 landwirtschaftliche Betriebe mit Truthennen. Rund eine Mio. Tiere werden pro Jahr geschlachtet. Markus Lukas sieht binnen fünf Jahren das Potential für eine Steigerung um zehn bis zwanzig Prozent. Bei einem derzeitigen Betriebsdurchschnitt von 5.800 Stück pro Halter wäre damit Platz für rund 20 zusätzliche Betriebe. „Wenn es gelingt, auch in der Gastronomie heimische Ware unterzubringen, ist sogar noch mehr Potential vorhanden“, so Lukas. Andreas Planegger träumt sogar davon, dass sich Österreich irgendwann wieder komplett selbst versorgen kann. Die 2019 gegründete ARGE Pute Österreich baut dafür gemeinsam mit dem Gastrogroßhändler Kröswang gerade die Marke „Sonnenpute“ mit „Tierwohl plus“ auf. Damit soll den Wirten ein Unterscheidungsmerkmal zur Hand gegeben werden. Zudem müssten öffentliche Kantinen verpflichtet werden, heimische Ware zu verarbeiten. „Es ist wie ein Schlag ins Gesicht der Bauern, dass uns der Staat strenge Regeln vorschreibt, nach denen wir produzieren müssen, aber selber billig aus dem Ausland einkauft“, zürnt der Kärntner. Er hebt explizit hervor, dass die Umsetzung höherer Standards im Rückblick positiv zu bewerten sei. „Wir haben ein besseres Stallklima, trockenere Einstreu und gesündere Tiere. Damit brauchen wir auch weniger Medikamente.“ Der Antibiotikaeinsatz in den heimischen Beständen ging um 58 Prozent zurück.

Die wesentliche Unterscheidung beim Tierwohl, die die Branche bisher wie ein Betonklotz nach unten zog, soll jetzt in einen Wettbewerbsvorteil verwandelt werden. „Natürlich ist zu Beginn darüber diskutiert worden, dass wir in Österreich gleiche Rahmenbedingungen wie im europäischen Ausland haben wollen“, sagt Karl Feichtinger „mit Polen können wir aber ohnehin nie konkurrieren. Wir können nur mit einem Spezialprodukt erfolgreich sein.“ Deshalb sollen alle Neubauten mit höheren Standards, wie zum Beispiel den Wintergärten auszustatten werden, um so viel AMA-Gütesiegel-Pute wie möglich am Markt unterzubringen.

STEFAN NIMMERVOLL