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Pflanzenschutz: Die Behörde behindert sich selbst

Nach Jahren intensiver Einschränkungen zeichnet sich beim Pflanzenschutz eine Trendwende ab. STEFAN NIMMERVOLL hat den Obmann der IndustrieGruppe Pflanzenschutz (IGP) CHRISTIAN STOCKMAR dazu befragt.

Die agrochemische Industrie beklagt den Verlust von Wirkstoffen und die langen Zulassungsverfahren in Europa. Wie beurteilen die Situation?

Anfang 2000 haben wir 1.000 Wirkstoffe gehabt. Wir sind jetzt bei 300 – für den Ackerbau bei 150. Wir haben den letzten neuen Wirkstoff in der EU 2019 zugelassen bekommen– seither nichts. Die Pipeline der großen Unternehmen ist voll. Es geht aber bei den Behörden nichts weiter. Seit 2015 haben wir über hundert Anträge eingebracht. Nur die Hälfte ist abgearbeitet.

Wie wird es weitergehen?

Ich will es positiv formulieren: Die Überregulierung und Überbürokratisierung ist von der neuen EU-Kommission erkannt worden. Das ist eine enorme Chance, mit den gegebenen Gesetzgebungen die Dinge etwas zu erleichtern, um wieder Innovation nach Europa zu bringen.

Der Green Deal scheint tot zu sein. Die EU rückt wieder mehr die Produktion in den Vordergrund. Erkennen Sie schon Erleichterungen?

Noch nicht, aber wohl einen Stimmungswechsel. Der neue Agrarkommissar Hansen hat gesagt, dass er keine Wirkstoffe verbieten wird, wenn es keine adäquaten Alternativen gibt. Auch in Österreich ist zu erkennen, dass der Wille da ist, die Dinge zu beschleunigen und in Europa harmonischer vorzugehen.

In der EU werden Wirkstoffe nach den potentiellen Gefahren bewertet, in den USA nach dem tatsächlichen Risiko. Blockieren wir uns da selbst?

Ja. Bei uns bestimmen die inneren Eigenschaften eines Stoffes, ob das Produkt zulassungsfähig ist oder nicht, unabhängig von der Dosis, der Anwendung oder risikomindernden Auflagen. Wir sollten mit Hausverstand wieder einen risikobasierten Ansatz einführen. Das gibt das Zulassungsverfahren her.

Donald Trump hat Glyphosat als sicherheitsrelevant eingestuft. Wünschen Sie sich so etwas auch für Europa?

Das ist eine Anlassgesetzgebung, die ich nicht kommentieren will. Was Europa schon gut tun würde, wäre ein klares Bekenntnis zum Produktionsstandort, um die landwirtschaftlichen Strukturen zu unterstützen und die Versorungssicherheit aus regionaler Produktion abzusichern. Wir können uns sogar vorstellen, das in Österreich in den Verfassungsrang zu heben. Wir haben bei der Energie gesehen, wie schnell man in Abhängigkeiten kommen kann. Es ist nicht gescheit, die Produktion zu verlagern und sich darauf zu verlassen, dass man von dort Ware bekommt, noch dazu, wo man nicht weiß, wie dort gearbeitet wird.

Die Landwirtschaft schiebt den Schwarzen Peter gerne nach Brüssel. Aber wie viel Verantwortung liegt am Wiener Parkett?

In der österreichischen Behörde bestehen einige Möglichkeiten, die Gesetze besser auszuschöpfen, zum Beispiel bei gegenseitigen Anerkennungen und zonalen Verfahren. Wenn das Vertrauen zwischen den Ländern gegeben wäre, könnten die Verfahren schneller durchgewunken werden und es wäre mehr Raum für Neuzulassungen. So behindert sich die Behörde selbst.

Welche Rolle spielen NGOs in der Debatte rund um Pflanzenschutz?

Sie haben bewusst Informationen verbreitet, die auf Angstmache abzielen. Wir wissen, dass ein Pflanzenschutzmittel besser untersucht ist als ein Pharmazeutikum und dass wir noch nie so hochwertige Lebensmittel gehabt haben wie heutzutage. Es ist nicht zielführend, dem Konsumenten Angst einzujagen, dass bei ordnungsgemäßer Verwendung ein Risiko für den Menschen oder die Umwelt besteht.

Wenn es um Pflanzenschutz geht, werden immer die Landwirte als die Bösen dargestellt. Müsste nicht eigentlich die Industrie ihre Produkte verteidigen und nicht der Bauer?

Ich gebe Ihnen recht, da könnte man mehr machen. Deswegen ist die IGP stärker in die Kommunikation eingestiegen. Wir bemühen uns sehr, Transparenz zu schaffen, sind aber kein Kampagnenbüro wie eine NGO.

Ist es nicht paradox, dass Milliardenkonzerne für ihre Anliegen nicht besser lobbyieren können?

Wir führen Gespräche und sind auf allen Ebenen dialogbereit. Der politische Weg, den chemisch-synthetischen Pflanzenschutz herunterzufahren, ist aber mit der letzten Periode der EU-Kommission eingeschlagen worden.

Die meisten Konzerne sind global aktiv. Der Eigentümer von Syngenta sitzt in China. Wird der Kontinent irrelevant?

Europa ist strategisch sehr relevant, auch als Produktionsstätte. Drei große Konzerne, BASF, Bayer und Syngenta, haben ihre Hauptsitze in Europa. Wenn sich die Tendenzen aber fortsetzen, den Standort unattraktiv werden zu lassen, wäre das für Europa ein riesiger Wettbewerbsnachteil.

Für manche Nischen suchen die Konzerne gar nicht mehr um Zulassungen an. So ist zum Beispiel der Bierrettich genauso weitgehend verschwunden wie die Kohlsprossen. Werden weitere Kulturen folgen?

Einige. Es gibt viele Kulturen, wo es Bekämpfungslücken gibt.

Ist es nicht auch eine Bringschuld der Industrie, der Landwirtschaft Wirkstoffe auch für die Produktion in Nischen zur Verfügung zu stellen?

Es liegt nicht am Unwillen der Industrie, Produkte einreichen zu wollen. Es sind einfach keine Wirkstoffe vorhanden oder in Europa nicht zulassbar.

Spüren Sie den Anbaurückgang bei intensiven Kulturen wie Zuckerrüben oder Raps in ihren Bilanzen?

Natürlich. Das Thema ist aber, dass uns die Vielfalt der Kulturen abhanden kommt. Der Raps ist in der Fruchtfolge wichtig. Selbst die Imker beschweren sich schon. Bei der Rübe ist es so ähnlich: Beides ist auf den Verlust von Beizmitteln zurückzuführen. Diese Technologie würde die beste Möglichkeit geben, Pflanzenschutzmittel in geringster Menge auszubringen.

Ein großes Thema sind die „Ewigkeitschemikalien“, PFAS. Könnte man auf diese verzichten?

Holland ist da vorgeprescht. Wir wissen aber, dass es sehr viele Quellen gibt. Bei Pflanzenschutzmitteln durchlaufen sie ein Prüfverfahren, das es bei PFAS als Allgemeinchemikalien nicht gibt. Deshalb brauchen wir keine Zurufe, dass man diese Produkte verbietet.

Fehlende Wirkstoffe sorgen für Resistenzen. Wieviel Strategie ist im gegebenen Rahmen noch möglich?

Das Management wird von der Behörde bei den Zulassungen als Auflage mitgegeben. Die Landwirtschaftskammern empfehlen sehr bewusst den Wirkstoffwechsel. Wir unterstützen das, auch über Konzerngrenzen hinweg.

Die großen Player setzen jetzt vermehrt auf Biologicals und alternative Konzepte. Ist das nicht ein bisschen Greenwashing des Images, dass man das in der Kommunikation so in den Vordergrund rückt?

Wenn man sich anschaut, wie viele Forschungsgelder da hineinfließen, geht es nicht um Greenwashing, sondern um massive Investitionen. Biostimulanzien und Bio-Pflanzenschutzmittel haben alternativ zu chemisch-synthetischen Produkten eine Bedeutung. Wir sehen das als eine sinnvolle Ergänzung, aber nicht alleinstehend.

In der chemischen Industrie ist es zu einer gewaltigen Strukturbereinigung gekommen. Übrig geblieben sind fast nur die Weltkonzerne. Schafft das nicht Monopole und nimmt den Bauern die Wahlfreiheit?

Heute muss man in Europa ungefähr mit 300 Mio. Euro und 12 Jahren rechnen bis ein Produkt am Markt ist. Da frage ich mich, welcher kleinere Betrieb das stemmen kann, wissend, dass sich möglicherweise ein Jahr vor Ende des Registrierungsprozesses ein Guidance-Dokument ändert und man keine Zulassung bekommt. Das haben nicht die großen Konzerne so erfunden.

Hierzulande gibt es strenge Regelungen. Wie stehen Sie zu dem Vorwurf, dass Produkte formuliert und exportiert werden, die man in Europa aufgrund ihrer Toxizität längst nicht mehr anwenden dürfte?

Europa würde es gut tun, die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes für die gesamte Wertschöpfungskette zu verbessern. Wenn ein großer Konzern hier ein Insektizid für Baumwolle produziert, kommt es bei uns überhaupt nicht auf den Markt. Wenn es dann ein Produktionsverbot für Mittel, die in Europa keine Zulassung haben, geben würde, würden große Unternehmen ihre Produktionsstätten aus der EU verlagern. Ich warne davor, weil diese nicht von heute auf morgen gebaut sind. Wenn die einmal woanders stehen, sind sie dauerhaft weg. Ich erinnere an die Pandemie, als alle geschrien haben, wieso werden die Wirkstoffe in China und nicht bei uns produziert. Noch dazu verlieren wir neben den Arbeitsplätzen die Innovationskraft in Europa. Das ist wirtschaftlich unvernünftig. Man sollte froh sein, dass es noch große Industrien mit Wirtschaftskraft in Europa gibt.

Frankreich hat den Import von agrarischen Produkten untersagt, die mit in der EU verbotenen Pflanzenschutzmitteln behandelt wurden. Ist das eine legitime Möglichkeit, den Markt vor unfairem Wettbewerb zu schützen?

Wenn man das weiterspinnt, werden die Regale im Supermarkt ziemlich leer werden. Die Analytik ist mittlerweile so weit, dass ich im Prinzip jeden Stoff nachweisen kann.  Darum gibt es auch relevante Höchstwerte. Wenn die nicht überschritten werden, ist dieser Rückstand rechtlich nicht vorhanden. Man sollte auch der Bevölkerung erklären, dass diese Höchstwerte einen riesigen Puffer zu gesundheitlich relevanten Werten haben.

In diesem Fall geht es aber nicht nur um die Gesundheit, sondern auch darum, den Wettbewerb international unterschiedlicher Systeme fairer zu gestalten?

Indem man die Innovationen gleich stellt. Uns fehlen neue Produkte, die es in anderen Ländern gibt. Europa wäre gut beraten, diese auch hier verfügbar zu machen. Dann hätten wir wieder Wettbewerbsfähigkeit.

Im Green Deal war ein Reduktionsziel um 50 Prozent formuliert. Darüber redet man momentan nicht mehr. Aber wie stark würde sich der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln tatsächlich vernünftig begrenzen lassen?

Wir unterstützen das sehr stark durch den Einsatz von Technologie. Im Unkrautmanagement gibt es Ansätze, mit denen man den Einsatz um 90 Prozent herunterfahren kann. Die großen Industrien wollen die Systeme gesamthaft betrachten, mit einem Gesamtpaket aus neuer Landtechnik, Digitalisierung, chemisch-synthetischen und biologischen Pflanzenschutzmitteln. Damit kann man den Einsatz viel gezielter gestalten und die Mengen reduzieren.

Wie ernsthaft betreibt man als Industrie einen solchen Ansatz, wenn man sich in Wahrheit das wegnimmt, mit dem man Geld verdient?

Der Verkauf von einem Liter Ware entwickelt sich zu diesem Gesamtangebot entlang des integrierten Pflanzenschutzes. Auch damit kann man Geld verdienen.

Momentan sorgen zusätzliche Aufzeichnungspflichten für Aufregung. Ist die künstlich oder ist es eine tatsächliche Belastung für die Bauern?

Wir als Industrie bieten Möglichkeiten über Farm Management-Systeme und digitale Labels an. Die Betriebe werden generell mit Aufzeichnungspflichten stark belastet. Es wäre an der Zeit, darüber nachzudenken, wie ich dem Landwirt das Leben erleichtern kann. Er sollte sich auf seine Produktion konzentrieren können.