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Bauernzank statt Waidmannsdank

Ingo Vaschauner aus Satteins wurde mit seiner Weigerung, eine hochträchtige Kuh nach einem Tuberkulose-Verdacht unverzüglich keulen zu lassen zum Rebellen gegen die strengen Vorgaben der Behörden. STEFAN NIMMERVOLL hat sich mit seinen Kritikpunkten beschäftigt.

Vorarlberg und die Rinder-Tuberkulose, das ist eine unendliche Geschichte. Seit Jahren müssen immer wieder Tiere gekeult und ganze Bestände geräumt werden. Zwar wird der direkte finanzielle Schaden abgegolten, den Bauern bleiben aber Folgekosten, der Verlust wertvoller Genetik und die psychische Belastung, eine schwere Krankheit im Stall zu haben. Während die meisten Landwirte das bisher zähneknirschend akzeptiert haben, ließ es der Mutterkuhhalter Ingo Vaschauner auf Diskussionen ankommen, als an einem Samstag Mitte Dezember zwei seiner Rinder positiv vorgetestet wurden. Nur eine Stunde nach dem Ergebnis sind die Veterinärbehörden auf seinem Hof im Walgau gestanden, haben eine Betriebssperre verhängt und ihm mitgeteilt, dass die Tiere am Montag zur Keulung anzuliefern sind. „Eine Kuh war aber hochträchtig, eine zweite hat ein sechs Wochen altes Kalb geführt“, erzählt Vaschauner. Eine sofortige Tötung war für den Bauern daher aus moralischen Gründen nicht akzeptabel.

Mit seinem Protest sorgte der Landwirt für Aufregung im Ländle, die sich auch in entsprechenden Medienberichten niederschlug. „Plötzlich haben sich Leute bei mir gemeldet, die ich seit Jahren auf die schwierige Lage der Bauern aufmerksam machen wollte, aber nie für mich Zeit hatten“, sagt Vaschauner. Nach einigem Hin und Her durfte seine Kuh schließlich noch ihr Kalb zur Welt bringen, bevor beide zur Schlachtung gebracht wurden. Das Kalb des anderen Muttertieres säuft mittlerweile bei Ammen mit. Rechtlich haben damit beide Seiten die Vereinbarung erfüllt. Der Rinderbauer pocht aber darauf, dass es nun auch zu mehr Druck in der Bekämpfung der Tuberkulose im Rotwildbestand kommen muss. Denn angesteckt haben sich Vaschauners Kühe höchstwahrscheinlich auf den als TBC-Risikogebiet ausgewiesenen Alpen im Silber- und im Klostertal. Dass die dortige Hirschpopulation besonders von der Seuche betroffen ist, ist hinlänglich bekannt. Vieh, das hier seinen Sommer verbringt, wird deshalb nach Ablauf einer Inkubationszeit automatisch auf die Krankheit getestet.

Landesveterinärdirektor Norbert Greber bezeichnet die Situation gegenüber BLICK INS LAND grundsätzlich als „relativ stabil“. Das TBC-Bekämpfungsgebiet sei ziemlich kompakt eingegrenzt. Man bemühe sich seit Jahren um eine Verbesserung der Lage. So wurden die Abschussvorgaben bei Rotwild massiv erhöht, die Schonzeit aufgehoben und der Einsatz von Schalldämpfergewehren erlaubt. Damit soll die Bestandesdichte reduziert werden. Den entscheidenden Schuss müssen aber letztlich die Jäger setzen. Gerade viele Reviere im betroffenen Gebiet sind jedoch sehr teuer an wohlhabende Waidmänner aus dem Ausland vergeben. Das Interesse, wertvolle Trophäenträger vorzeitig zu entfernen, ist gering. „Es ist kein Geheimnis, dass die Einnahmen aus der Jagdpacht die Einnahmen aus der Landwirtschaft teilweise um ein Vielfaches überschreiten. Und genau aus diesem Grund ist es oft sehr schwierig, gegen die bestehende Interessenslage TBC-Bekämpfungsmaßnahmen durchzusetzen“, räumt Greber ein.

Die Jägerschaft in Vorarlberg ist, anders als in den anderen Bundesländern, als Verein organisiert. „Wir haben keinen Einfluss auf die Vergabe von Jagdkarten. Für die Kontrolle der Erfüllung der Abschüsse ist die Behörde zuständig“, meint Landesjägermeister Christoph Breier. Das Jagdrecht sei an das Grundeigentum gebunden – und die Besitzer seien in der Regel sehr interessiert daran, das Gebiet mit Vieh bestoßen zu lassen, da eine zuwachsende Alpe auch für die Jagd negativ sei. Er setzt voraus, dass bei der Verpachtung eines Reviers nicht nur materielle Gründe, sondern auch die nachhaltige Pflege und das TBC-Management eine Rolle spielen. Ein völliges Ausrotten der Krankheit sei aber seinem Verständnis als Mediziner nach – Breier ist Internist – aber nicht möglich. „Wir sind aber bemüht, den Eintrag auf niedrigem Niveau zu halten.“ Dazu müsse man auch sagen, dass die Prävalenz in Vorarlberg unter einem Prozent liegt, wobei wesentlich mehr getestet wird als anderswo und die Zahl der positiven Proben daher höher ist. Es sei auch anzumerken, dass mindestens die Hälfte der Ansteckungen bei Nutztieren über den Viehverkehr stattfinde. „Unter dem Titel TBC wird eine teilweise übertriebene Hetzkampagne gegen das Rotwild geführt“, so der Landesjägermeister.

Das sieht Ingo Vaschauner naturgemäß nicht so: „Die Jagd ist Hobby, die Landwirtschaft ein Beruf, von dem wir leben müssen.“ Ihm zufolge wird mit zweierlei Maß gemessen: „Auch ich als Bauer muss Regeln einhalten und werde streng kontrolliert. Wenn ich das nicht mache, muss ich Strafe zahlen.“ Auf die Alpen werde aber sogar extrem viel Heu und sogar Mais gebracht, um die Bestände höher zu halten als es vernünftig ist. Der Bauer fordert daher eine Einstellung der Winterfütterung. Schwächeres und krankes Wild werde damit von alleine ausselektioniert. Dem kann Norbert Greber nichts abgewinnen: „Die Auflassung von Fütterung im Bekämpfungsgebiet wäre kontraproduktiv. Es würden Tiere in die umliegenden, bisher weniger betroffene oder gar TBC-freie Gebiete ausweichen und so eine Verbreitung der Tuberkulose stattfinden.“ Auch dass die Jagd weit geringere Opfer zu leisten habe als die Landwirtschaft, stimme so nicht ganz: „Es werden sehr rigorose Maßnahmen jagdlicher Art, wie zum Beispiel die Sperre der Freigabe von sogenannten Erntehirschen, ergriffen. Das schmerzt die Jagdnutzungsberechtigten sehr.“ Jägermeister Breier weist darauf hin, dass es in der kommenden Jagdsaison zu einer neuerlichen spezifischen Anpassung der Abschusspläne kommen wird. „Wir hoffen, dass mit einer genaueren Zuordnung der Sonderkontingente diese auch erfüllt werden.“

Mutterkuhhalter Vaschauner fiebert unterdessen der nächsten Kontrolle entgegen. Wird dabei und bei einem weiteren Termin kein zusätzlicher Fall identifiziert, läuft seine Betriebssperre Ende April aus. Bei einem positiven Test beginnen die Fristen von vorne zu laufen. „An einem Tag sagt mir mein Gefühl, dass alles gut gehen wird, an einem anderen fürchte ich, dass sich die Bakterien in meinem Stall weiterverbreitet haben.“ Zumindest von einer Gesamträumung des Betriebes wie bei manchen Kollegen ist der Bauer noch weit entfernt. Diese wird angeordnet, wenn die Zahl der Fälle im Bestand einen gewissen Prozentsatz überschreitet. Trotzdem sind die wirtschaftlichen Folgen für ihn groß: „Die Entschädigung für die gekeulten Tiere ist zwar ausreichend, das bringt mir die Kühe aber nicht zurück.“ Es ist ihm aktuell nicht möglich Zuchtvieh zu verkaufen und auf andere Höfe zu verbringen. Auch Schlachtungen müssen extra angemeldet und überwacht werden.  „Der Schlachthof in Dornbirn wurde aber geschlossen und andere, die wir angefragt haben, machen das gar nicht oder zahlen keinen Bioaufschläge“, sagt Vaschauner . Er muss also konventionelle Preise akzeptieren oder warten, bis seine Betriebssperre endet. Ob die Bezahlung bis dann noch so gut ist und sich das zusätzliche Futter lohnt, steht auf einem anderen Blatt Papier. Der Bauer ist jedenfalls aus Schaden klug geworden: „Wenn meine Stallpflicht bis dahin überhaupt aufgehoben ist, werde ich nur mehr jene Tiere in das Risikogebiet auftreiben, die im Herbst ohnehin zur Schlachtung anstehen. Die Tiere, die wieder auf den Hof zurückkehren, werden woanders gealpt.“

 

 

 


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