Foto: MR Tirol

Kritik an Gülle darf nicht länger abprallen

Ab 2025 kommt in Deutschland auch im Grünland, was seit dem Vorjahr am Acker schon gültiges Recht ist: Das Verbot der Verwendung von Breitverteilern bei der Ausbringung von Gülle. Ähnliches scheint auch für Österreich unvermeidbar. Dennoch ist das Thema noch nicht auf den Höfen angekommen.

Bei Nicht-Landwirten hat sie bei Gott nicht den besten Ruf: Sie stinkt zum Himmel, ist schuld am Klimawandel und wird garantiert dann in hohem Bogen ausgebracht, wenn man sich gerade auf der Terrasse zum Griller gesetzt hat. Die Gülle hat ein Imageproblem. „Offenbar wäre es einigen Leuten am liebsten, wenn wir anstatt der natürlichen Gülle Lastwagenzüge voller Mineraldünger bestellen würden“, meint Franz Hauser aus Mils. Denn hier im Inntal, in der Nähe von Innsbruck, wachsen die Dörfer zusammen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit findet sich also ein Anrainer, der sich von der Duftwolke von der Wiese nebenan gestört fühlt. Zumindest bei Hauser sind die Beschwerden aber weniger geworden. Denn seit Frühjahr 2020 bringt der Landwirt seinen Wirtschaftsdünger mit einem Schleppschuh-Verteiler bodennah aus. Schon allein, dass man nicht mehr sieht, dass das Gras braun ist, hat dabei für viele Nachbarn einen positiven psychologischen Effekt.

Neben der Vermeidung von Streitigkeiten hat das neue Gerät, das Hauser als Stationslandwirt für den Maschinenring betreut, auch handfeste wirtschaftliche Vorteile. Denn nicht nur die Geruchsbelästigung, sondern auch der Verlust wertvoller Nährstoffe kann bei bodennaher Ablage um bis zu 60 Prozent reduziert werden. „Wir bringen den Stickstoff direkt zu den Pflanzen und lassen ihn nicht über die Luft als Ammoniak ausgasen“, so Hauser. Das spart Kosten für die mineralische Düngung und ist ein Schritt in Richtung der Erfüllung der NEC-Richtlinien der EU, die die Emissionshöchstmengen für gewisse Luftschadstoffe festschreibt. Um die von Österreich darin zugesagten Vorgaben zu erfüllen, wird es wohl auch hierzulande, ähnlich wie in Deutschland, in absehbarer Zeit massive Einschränkungen beim Einsatz von Breitverteilern geben müssen.

„Das Prallteller ist eine simple Technik und hat angesichts der strengen emissionsseitigen Verpflichtungen auf EU-Ebene nur dort in Zukunft eine Berechtigung, wo bodennahe Ausbringungssysteme technisch nicht einsetzbar sind“, beantwortet das Landwirtschaftsministerium eine diesbezügliche Anfrage. Konkreter wird Reinhard Egger von der Landwirtschaftskammer Tirol: „Wir gehen davon aus, dass es zum Ende der nächsten ÖPUL-Förderperiode ein Verbot geben wird.“ Bis dahin sind es aber nur noch wenige Jahre – und vielen Bauern ist die Brisanz des Themas augenscheinlich noch nicht bewusst. Immer noch werden neue Güllefässer gekauft, die nicht einmal für eine Umrüstung auf bodennahe Verteiltechniken vorbereitet sind. Wenn diese dann auf einen Schlag alle nicht mehr ausfahren dürfen, sind sie mangels Nachfrage vermutlich nur mehr den Alteisenpreis wert.

„Wir bereiten uns jetzt auf diese Situation vor, um Landwirten maßgeschneiderte Lösungen anbieten zu können“, betont der Geschäftsführer des Maschinenring Innsbruck-Land, Josef Gahr. „Unser Ziel ist es, flächendeckend einen gemeinschaftlichen Technikeinsatz sicherzustellen.“ Erste Erfolge zeigen sich dabei bereits. Die Maschine, die bei Franz Hauser stationiert ist, hat im Vorjahr 3.500 m³ Gülle ausgebracht. Ziel ist es, heuer auf 5.000 m³ zu kommen. „Die Mundpropaganda wirkt. Es fragen immer mehr Landwirte nach“, freut sich Hauser. Unterstützt wurde der Ankauf von vorerst zwei Leihfässern des Maschinenring vom Land Tirol. Zudem wurden 18 neue Güllefässer mit Schleppschuhverteiler zu je 40 Prozent und 34 Schleppschuhnachrüstungen mit jeweils 15.000 Euro gefördert. In Summe hat das Land damit bislang 1,2 Mio. Euro in die bodennahe Gülleausbringung investiert.

Angenommen wird das Angebot aber vor allem von Betrieben im Siedlungsgebiet in den Tallagen. Im Berggebiet gibt man sich noch zurückhaltender. „Im steilen Gelände sind wir mit der Fassgröße und der Technik beschränkt“, meint Andreas Werlberger aus Riedenberg im Thierseetal. Sein Hof liegt auf 950 Meter Seehöhe und umfasst 12 Hektar arrondiertes Grünland. Dafür hat er gemeinsam mit vier anderen Bauern und dem Maschinenring eine Gülleverschlauchungsgemeinschaft gegründet und ist überzeugt, dass er mit dem Schwenkverteiler mit großtropfiger Verteilung schon recht umweltschonend unterwegs ist. „Falls es erforderlich wird, können wir die Anlage aber auch aufrüsten und bodennah ausbringen. Allerdings bedeutet das, dass wir jede Fläche überfahren müssen und manche steilen Ecken nicht mehr erreichen würden. Und wir müssten nochmals 30.000 Euro investieren“, so Werlberger. Für das Berggebiet organisiert der Maschinenring im Tiroler Wipptal jedenfalls gerade ein Projekt, das eine Gülleverschlauchung und Schleppschlauch kombinieren wird.

Egal über welches System das Ziel der emissionsarmen Ausbringung angestrebt wird: Der Kostenfaktor ist trotz aller Förderungen nicht zu unterschätzen.  Gerade deshalb wird bei einer großflächigen Umstellung eine gemeinschaftliche, überbetriebliche Nutzung dieser kostspieligen Technik einen hohen Stellenwert einnehmen. Zudem wurden die Fördersätze für die bodennahe Ausbringung im ÖPUL verbessert. Für extreme Lagen werde es aber trotzdem Ausnahmen brauchen, egal ob diese über die Hangneigung, den Stickstoffanfall oder die Anzahl der Großvieheinheiten am Betrieb definiert werden.

Auch Reinhard Egger von der Landwirtschaftskammer ist überzeugt, dass es am Berg weiterhin leichte und wendige Hochdruckfässer brauchen wird. Sich darauf zu verlassen, dass der eigene Betrieb möglicherweise unter die Ausnahmeregelungen fallen wird, dürfte aber zu blauäugig sein. Egger empfiehlt den Bauern daher, sich mit dem Thema heute schon zu befassen. „Wir haben so viele Fässer im Volumen von acht bis 12 Kubikmetern draußen stehen, von denen wir nicht wissen, ob und wie wir sie umrüsten können. Es ist gesellschaftspolitisch erforderlich, dass rechtzeitig Geld in die Hand genommen wird, damit uns die Betriebe dann nicht wegbrechen“, lobt er die Initiative des Landes Tirol. Selbst wenn sein Bundesland damit bundesweit Vorreiter sei, befinde man sich aber erst in der Anfangsphase.

Beim Maschinenring Kufstein, über den die Gülleverschlauchung in Thiersee organisiert und abgerechnet wird, wartet man aktuell jedenfalls auf zwei neue Fässer. Geschäftsführer Josef Unterweger legt dabei Wert darauf, dass auch Bauern mit kleineren Höfen das Gerät mit ihren Traktoren ziehen können. „Je teurer die Technik wird, desto eher muss es betriebsübergreifende Alternativen geben. Wir brauchen deshalb ein Angebot, das möglichst viele unserer Mitglieder nutzen können.“ Letztlich dürften die Maschinen der aktuell neu gegründeten Gemeinschaften aber wieder vor allem in Tallagen genutzt werden. Unterweger: „Wir hoffen deshalb darauf, dass das neue ÖPUL schon eine konkretere Richtung vorgibt, damit wir auch abseits der Gunstlagen praxistaugliche Vorbereitungen treffen können.“

STEFAN NIMMERVOLL


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