GMEINER MEINT

Foto: Daniela Koeppl

Die Gesellschaft ist blind geworden

Landwirtschaft muss sich zuweilen viel gefallen lassen. Oft zu Recht, sehr oft freilich zu Unrecht. Die Diskussionen scheinen meist nur eine Richtung zu kennen – die Landwirtschaft ist an allem schuld. Am Bienensterben sowieso, am Vogelsterben auch und am Arten­sterben überhaupt. An der Wasserverschmutzung, an der CO2-Belastung und am Klimawandel generell. Immer wieder die gleichen Argumente, immer wieder die gleichen Vorwürfe. Wirklich hinschauen, so der Eindruck des Beobachters, tut schon lange kaum mehr jemand.
Ab und an und viel zu selten tauchen aber dann doch Zahlen und Grafiken auf, die vieles von dem, was die Landwirtschaft, respektive die Bauern, an öffentlicher Kritik aushalten müssen, in ein neues Licht stellen. Das lässt den Verdacht keimen, dass in der Diskussion, wie sie über die Landwirtschaft seit Jahren geführt wird, vielleicht doch einiges schiefläuft. Ja, mehr sogar – dass sie vielleicht gar in eine völlig falsche Richtung führt und von wirksamen Lösungen für Probleme wie Artensterben, Luft- und Wasserverschmutzung oder auch Erderwärmung ablenkt und sie regelrecht verhindert.
Viele Bauern haben diesen Verdacht längst, wenn ihnen all das vorgehalten wird, woran sie schuld sein sollen. Es dürfen so viele Mittel im Pflanzenschutz nicht mehr verwendet werden, es wurde auch weniger gezielt gedüngt und da war nichts, denken sie sich, und da hat es trotzdem von all dem, was jetzt zu wenig sein soll, in Fülle gegeben – Insekten-verpickte Windschutzscheiben inklusive.
Nur ganz selten finden sie für ihren Verdacht auch Bestätigung, wie jüngst bei einer Veranstaltung zum Thema Green Deal. Dort präsentierte Johann Kohl von der Ages Daten, die manche Dinge in ein anderes Licht rücken. Etwa, dass in Österreich auf nicht mehr als 13 Prozent der Landesfläche überhaupt konventionelle Pflanzenschutzmittel zum Einsatz kommen, im großen Rest aber allenfalls, wenn überhaupt, nur biologische. Oder dass in der konventionellen Landwirtschaft die Menge chemisch-synthetischer Wirkstoffe in den vergangenen zehn Jahren um 22,1 Prozent zurückging, obwohl die Fläche nur um 10,9 Prozent kleiner wurde, während die Menge der im Biolandbau zulässigen Wirkstoffe aber im gleichen Zeitraum um 55,7 Prozent zunahm, obwohl die Fläche nur um 49,7 Prozent gewachsen ist. Oder, dass die mechanische Bodenbearbeitung in Sachen Unkrautbekämpfung und Artenschutz durchaus kritisch zu sehen ist.
Über all das lässt sich wohl vortrefflich streiten. Darum soll es hier nicht gehen. Gehen muss es darum, dass all das und vieles andere mehr auch in die gesellschaftliche Diskussion kommt. Um Fakten und Sachlichkeit, um Probleme wirklich zu lösen und Herausforderungen effizient zu bewältigen.
Das Land hat dabei durchaus großen Aufholbedarf, ist man doch bisweilen blind geworden, in all der Selbstgerechtigkeit, mit der die Diskussionen über die Landwirtschaft geführt werden. Aber auch die Landwirtschaft und Institutionen wie die Ages oder die Universität für Bodenkultur haben großen Aufholbedarf, sich mit ihrem Wissen und mit ihrer Expertise mitzureden – und sich, nicht nur hinter all dem Wissen und den Datenbergen, die man hortet, zu verstecken.


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