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Die Stadt frisst ihre Dörfer

Zurecht rühmt sich Wien seiner Stadtlandwirtschaft: Kaum eine Metropole der Welt zählt so viele Bauern, Gärtner und Winzer wie die österreichische Bundeshauptstadt. Doch wie lange noch? STEFAN NIMMERVOLL hat im 10. Bezirk recherchiert.

Hans Maad beugt sich besorgt über den Katasterplan. „Hier gehört schon das meiste den Bauträgern. Und auch in dieser Ried wurde schon fleißig gekauft. Die Bauern, die es in Oberlaa, Unterlaa und Rothneusiedl noch gibt, kann man dafür schon namentlich aufzählen.“ Vier Hände voll bringt der pensionierte Agrarjournalist und Kleinlandwirt schließlich zusammen. Dabei versprühen die Vororte am Rande der Weltstadt durchaus noch ländlichen Charme. Auch die Stadtregierung möchte die historischen Ortskerne per Gemeinderatsbeschluss erhalten. Doch die Wohnsilos rücken mit der Verlängerung der U1 näher an die Bauernhäuser heran. Mit der Siedlung Fontanastraße, dem „Barbara Prammer-Hof“, wurden bereits gut 500 Wohneinheiten bezogen. Am Südeingang des Kurparks sollen weitere Objekte folgen, die Maad als Obmann der Initiative Lebensraum Oberlaa beeinsprucht. „Es ist, wie wenn ein UFO landet. Man kommt aus dem Weingarten heraus und steht vor einem 12-stöckigen Wohnblock.“

Was die Ortsbildschützer von Oberlaa befürchten, scheint in Rothneusiedl, wo früher unter anderem das Suppengrün für die traditionelle Wiener Rindfleischküche gewachsen ist, bereits beschlossene Sache. Dort wurde, nachdem die Herzfeld´sche Familienstiftung als größter Grundbesitzer am Areal ihren Gutshof veräußert hat, auf 125 Hektar ein Projekt mit 9.000 Wohnungen für 21.000 Menschen bewilligt. Wo heute noch (auch von der Stadt Wien selbst) Ackerbau betrieben wird, sollen irgendwann Bagger rollen. „Die Bewirtschafter haben ein Präkarium und dürfen den Grund bis auf Widerruf weiternutzen“, sagt der als Schneckenzüchter bekannt gewordene Andreas Gugumuck, dessen Betrieb mit Gartenbar mitten im Projektgebiet liegt, aber nicht verkauft wurde. „Wenn die Bauträger anfangen wollen, ist es ein Glück, wenn man die Ernte noch einbringen darf.“ Ursprünglich hat Frank Stronach hier ein neues Austria-Stadion und ein Shoppingcenter errichten wollen. Diese Pläne verliefen im Sande. Stattdessen haben, hauptsächlich gemeinnützige, Bauträger die Gründe Rothneusields aufgekauft und den Startschuss für den neuen Stadtteil gelegt, um das Gelände zu Siedlungszwecken zu erschließen.

Landwirtschaftskammerpräsident Norbert Walter ist nicht begeistert davon, dass in Favoriten die besten Zuckerrübenböden Österreichs versiegelt werden. Er räumt aber auch ein, dass die Stadt, die jüngst die 2-Mio-Einwohner-Marke überschritten hat, einen Bedarf von rund 10.000 Neuwohnungen pro Jahr und ein Interesse an leistbarem Wohnen habe. Das eine zwicke sich mit dem anderen. „Fakt ist: Die öffentlichen Bauträger sind im Gemeinnützigkeitsgesetz verpflichtet, Grundstücksreserven anzuschaffen und haben auch die nötigen Rücklagen dafür.“ Bekommen die Privaten mit, dass sich der stadtnahe Wiener Wohnfonds irgendwo angesiedelt haben, ist das Startschuss für einen Run auf die Felder. Dann ziehen Keiler durch die Lande und machen den Eigentümern unverschämte Angebote, auch wenn eine Widmung in Bauland noch in weiter Ferne ist. Im 22. Bezirk wurde so zum Beispiel ein ganzer Betrieb im zweistelligen Millionenbetrag verkauft.

Johannes Wiesmayer ist kein Grundbesitzer und trotzdem betroffen. Einerseits als Biobauer, Direktvermarkter und Wirt mit Fokus auf Wild in Hennersdorf, gleich hinter der S1 in Niederösterreich. „Bei uns werden die Preise in die Höhe getrieben, wenn die involvierten Grundbesitzer Ersatzflächen suchen.“ Andererseits als Bewirtschafter in Rothneusiedl. „Wir hatten dort einen halben Hektar gepachtet und dieser wurde auch verkauft.“ Als sich Wiesmayer bei der BUWOG erkundigt hat, wie es mit den verlorenen Flächen weitergehen wird, hat er gleich viereinhalb weitere Hektar im Projektgebiet zur Pacht angeboten bekommen.

Glücklich ist er trotzdem nicht. Denn von Rothneusiedl führt ein Weg über die S1 nach Hennersdorf, über den die Bewohner künftig ihre Sonntagsspaziergänge ins Grüne machen werden. „Unsere Gemeinde ist eine Insel der Seligen zwischen SCS und Wien. Mit den 20.000 Menschen und vermutlich 3.000 Hunden wächst die Anzahl der Besucher unseres Hirschgeheges wohl auf ein Vielfaches.“ Es kursieren sogar Geschichten über Ausflügler, die im frisch sprießenden Weizen ihre Picknickdecke aufschlagen, weil der nach so einer schönen Wiese aussieht. „Am liebsten wäre mir, wenn die Brücke gesperrt oder – wie ursprünglich gedacht – ausschließlich von landwirtschaftlichen Maschinen befahren werden dürfte“, konstatiert Wiesmayer.

Zumindest soll laut Projektbeschreibung ein „Pionierstadtteil und Leuchtturm für den Klimaschutz“ entstehen. In die Planung integriert ist der Verein Zukunftshof Rothneusiedl, der mit dem ehemaligen Haschahof die Gebäude des veräußerten Gutes mit Veranstaltungen bespielt. Obfrau Eveline Moser möchte eine „essbare Stadt“ verwirklichen. „Rund vier der 125 Hektar sind für Stadtlandwirtschaft reserviert.“ Ihr und Andreas Gugumuck schwebt die Integration von marktgärtnerischen Ansätzen für die Versorgung der Schulen und Kindergärten vor. „Aus dem Zukunftshof sollen ein Urban Food Hub und ein Experimentierraum für landwirtschaftliche Konzepte im urbanen Raum werden.“ So könne Urbanes und Ländliches vereint werden.

Für Politiker wie Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky ist die Stadtlandwirtschaft ein Wohlfühlthema, mit dem man beim Wähler Sympathiepunkte sammeln kann. Ihm attestiert Norbert Walter aber auch ein „ehrliches Interesse“ und dass die Zusammenarbeit grundsätzlich konstruktiv sei. Gemeinsam habe man mit dem Agrarstrukturellen Entwicklungsplan AgSTEP ein klares Raumordnungskonzept für die Wiener Landwirtschaftsgebiete geschaffen, das 4.878 Hektar an Vorrangflächen ausweist. „Dabei geht es um die dauerhafte Sicherung der Produktionsflächen innerhalb der Stadtgrenzen, als Voraussetzung dafür, dass die Bäuerinnen und Bauern ihre Produkte erzeugen können“, lässt der SPÖ-Politiker über sein Büro ausrichten.  Zugleich würden Grund und Boden in den Städten zu den knappsten und begehrtesten Ressourcen gehören. „Wien ist eine wachsende Stadt. Somit steht das Thema Bodennutzung stark im Fokus und ist mit unterschiedlichen Interessen konfrontiert.“

Dass der Aderlass an Flächen nicht gänzlich zu stoppen ist, weiß selbst LK-Chef Walter: „Für den Lobautunnel und die Stadtstraße werden wir weitere wertvolle Gründe verlieren.“ Letztlich seien es oft die Bauern selbst, die mit ihrer Bereitschaft, zu verkaufen die Entwicklung befeuern. Eigentum sei ein hohes Gut; die Kammer müsse aber für die Interessen der Stadtlandwirtschaft und nicht die der Spekulanten da sein. „Deshalb fordern wir, dass zuerst innerstädtisch und dann auf den, gutachterlich festgestellten, schlechten Flächen gebaut wird. Im Süden gebe es solche aber gar nicht. Zumindest in Rothneusiedl dürfte der Zug ohnehin abgefahren sein. „Die einige Chance ist, dass Verlängerung der U-Bahn nicht realisiert wird, weil Bund und Stadt die Mittel dafür nicht aufbringen können.“ Für Oberlaa hofft auch Hans Maad auf einen Stopp der Baulandwidmung und einen Schutz der Schwarzerdeböden in ganz Wien nach dem Vorbild der Wassercharta, die das Trinkwasser in der Verfassung schützt. „Es geht um Ackerböden erster Bonität. Die Kommune muss den Ausverkauf unserer wichtigsten Lebensgrundlage verhindern.“