Der Rosenkavalier von Naivasha
Blumen aus Ostafrika stehen in der Kritik, Pestizidbomben zu sein und bei prekären Arbeitsbedingungen zu wachsen. Der austro-kenianische Rosenfarmer Peter Szarpary möchte das Gegenteil beweisen. STEFAN NIMMERVOLL hat das Land bereist.
Naivasha, zwei Stunden nördlich der Millionenstadt Nairobi gelegen, ist für zweierlei bekannt: Einerseits sind da die Nilpferde, die aus dem gleichnamigen See bis zu den Vorgärten der Häuser kommen und als durchaus angriffslustig gelten. Andererseits beliefert die Stadt auf fast 2.000 Metern Seehöhe die Welt mit frischen Rosen. Hier herrschen, als Folge des milden Klimas nahe am Äquator und im Hochland, zehn Monate lang mitteleuropäischer Sommer und optimale Wachstumsbedingungen. Rund 40 Blumen-Farmen haben sich deshalb in den letzten Jahrzehnten bei Naivasha etabliert. Neben Tee sind Schnittblumen zum wichtigsten Exportgut Kenias geworden und sorgen in dem von politischen und sozialen Krisen gebeutelten Land für Devisen und Arbeitsplätze. Die meist von ausländischen Investoren geführten Betriebe stehen aber auch im Ruf, Wasser zu verschwenden und den See mit Pestiziden und Nitraten zu verschmutzen, sowie Mitarbeiter auszubeuten.
Peter Szapary, ein waschechter Waldviertler mit ehemals adeliger Herkunft kennt diese Vorwürfe nur zu genau. „Bitte berichtet fair und wahrheitsgetreu über uns“, sagt er deshalb zu der Gruppe deutschsprachiger Journalisten, die im Rahmen des Agrarjournalistenkongresse des internationalen Berufsverbandes IFAJ den Weg zu ihm auf sich genommen haben. Der Österreicher, dessen Familie heute noch einen auf alten Adelsbesitz zurückgehenden Forstbetrieb führt, ist nach einer Karriere in der Unternehmensberatung in einem Sabbatical auf Reisen gegangen und hat in einem Wildlife-Conservation-Projekt gearbeitet. Dort hat er sich in Land und Leute verliebt. Ohne einschlägige Vorerfahrung ist er ins Blumen-Business gerutscht, hat 1999 seine ersten Flächen gekauft und Wildfire Flowers gegründet. 2005 folgte, gemeinsam mit zwei weiteren Produzenten, die Marketing- und Distributionsfirma „The FlowerHub“, die inzwischen auch bei rund 100 anderen Produzenten einkauft und weltweit vermarktet.
Wer Kenias Rosen-Business verstehen will, muss zunächst nach Amsterdam zur wichtigsten Drehscheibe im internationalen Blumenhandel blicken. An der dortigen Börse werden Millionen an Blüten pro Woche versteigert und im Anschluss in ganz Europa verteilt. Ein System, an dem der 62-jährige nicht teilnehmen will. Er beliefert über Zwischenhändler die großen Supermarktketten. „Wir sortieren und fertigen Sträuße nach Spezifikationen der Kunden, fertig für das Regal. Per Truck gehen diese dann zum Flughafen nach Nairobi und kommen direkt in die Verteilzentren der Handelskonzerne. Schon nach fünf Tagen werden sie dort über den Kassenscanner gezogen. REWE in Deutschland und Morrisons in Großbritannien sind dabei aktuell die wichtigsten Kunden. In Österreich war Wildfire Flowers schon bei Billa und Hofer gelistet. Dort sei der Preisdruck aber momentan zu hoch.
Heute nennt Szapary 20 Hektar Gewächshäuser und 25 Freilandfläche sein Eigen, in denen klassische Rosen, Sprayrosen (mit mehreren Köpfen), Johanniskraut und Schleierkraut gezogen werden. 55 Millionen Blumen erntet er pro Jahr. 740 Kenianer hält er in Brot und Lohn. „Damit sind wir ein eher kleiner Fisch unter den Big Boys in der Branche.“ Das ermögliche ihm aber auch, rasch auf Trends zu reagieren und eine breite Farbpalette anzubieten. „Früher haben wir fünf oder sechs Kunden auf Handschlag gehabt und es hat gepasst.“ Während Corona sind aber viele Farmen gewachsen, weil die Nachfrage gestiegen ist. Die Zeiten, als Kenia einfach den europäischen Markt mit preiswerten Blumen geflutet hat, sind nun aber vorbei, die Konkurrenz ist groß. „Seit 2020 sind die Produktionskosten um 40 Prozent gestiegen, die Verkaufserlöse aber nicht“, klagt der Österreicher. Nur mehr acht bis 8,5 Cent erhält seine Firma ab Nairobi für eine Rose mit 40 Zentimeter Länge.
Auch bei den Blumen brauche es deshalb mittlerweile Spezialisierung. „Wir entwickeln uns von einem Supermarkt hin zu einem kleinen Feinkostladen, der unterschiedlichste Farben und Formen anbieten kann.“ Der Preis bleibt aber ein Hauptargument (zuletzt 1,99 Euro pro Bund bei Aldi in Deutschland), weswegen Szapary auch die Floristen in Gefahr sieht. „Wir können einen Blumenladen nicht jede Woche mit 100 Rosen direkt beliefern. Dort gibt es außerdem nach der Auktion unzählige Zwischenhandelsstufen, die jedes Mal 30 Prozent Marge nehmen bis der ,fliegende Holländer´vor dem Geschäft steht. Und es dauert, bis die Ware im Kühlhaus steht, während wir direkt liefern.“ Supermarktrosen seien demnach nicht nur billiger, sondern auch frischer.
Und das heikle Thema der Nachhaltigkeit? Wie sieht es damit in Naivasha aus? Auswüchse der Anfangszeit der Rosenproduktion würden der Vergangenheit angehören, versucht Szapary zu überzeugen. „Der Wasserspiegel des Sees ist in den letzten Jahren um über sieben Meter gestiegen. Die Flusspferde kommen schon bis zu unseren Anlagen“, weist er den Vorwurf, die Gegend auszutrocknen, zurück. Auch beim Pflanzenschutz habe sich viel getan. Der Einzelhandel fordert Zertifikate, die die Richtlinien festsetzen. „Wir haben Positivlisten, welche Mittel wir einsetzen dürfen und jedes Jahr Audits.“ Wenn Umweltschutzorganisationen bei ihren Stichproben in einem seiner Fair Trade-Sträußen irgendetwas Verbotenes finden würden, wäre der Teufel los. „Dann wird bei mir nicht mehr eingekauft“, meint der Rosenbauer. Wenn Ware aber über Auktionen in Holland gehen würde, könne das schon anders sein, schränkt Szapary ein. Global 2000 weist in einem Pestizid-Test aus 2024 jedenfalls auf große Unterschiede je nach Herkunft hin. Manche Produkte seien immer noch immens belastet.
Vor fünf Jahren hat der Unternehmer auch den CO2-Fußabdruck der Produktion berechnen lassen und versucht, diesen zu verringern. „Unser Betrieb ist, als einer von vier in Kenia, als CO2-neutral zertifiziert.“ So stammt die Energie, die verwendet wird, größtenteils aus Geothermie im vulkanischen Rift Valley. Regenwasser, das auf die Gewächshausfolien fällt, wird gesammelt. Auch das Restwasser der Bewässerung wird rückgeführt und auf seinen Nährstoffgehalt analysiert. Szapary will auf regenerative Landwirtschaft setzen. Er pocht darauf, dass der Footprint bei seinen Blumen wesentlich besser sei als bei solchen aus den Niederlanden, die in Glashäusern gezogen werden müssen. „Wir haben sogar versucht, die Rosen per Schiff zu transportieren und dafür in eine spezielle Lösung zu tauchen, um Flugkilometer zu sparen.“ Leider habe die Krise im Roten Meer diesen Bemühungen ein Ende gesetzt.
Wer für eine Rosenfarm in Kenia arbeitet, muss jedenfalls durchaus malochen. Umgerechnet 100 Euro Monatslohn bei 46 Wochenstunden, 6 Tage die Woche, sieht der Kollektivvertrag vor. Szapary zahlt mehr, es gibt Bonussysteme für alle Angestellten. Mitbewerber, die sich dem nicht unterwerfen, berappen aber wesentlich weniger. Über das Fair Trade System werden über 100.000 Euro pro Jahr für Projekte wie Schulen oder Stipendien zur Seite gelegt, die von einem Rat der Angestellten verteilt werden. Benachbarte Kleinbauern dürfen ihr Vieh am Gelände der Farm grasen lassen und bekommen so gratis Futter. „Leider sinkt die Nachfrage nach Fair Trade im Handel“, bedauert Szapary, „mir ist es aber wichtig, dass wir Blumen aus nachhaltiger Produktion anbieten können.“
www.wildfire-flowers.com


