Bio: Verbände sind kein Selbstzweck
Naturland mischt gerade die heimische Bio-Szene auf. STEFAN NIMMERVOLL hat die Führungsspitze, ZENO PIATTI-FÜNFKIRCHEN und FRANZ BERNHOFER zu den Österreich-Plänen befragt.
Braucht es wirklich noch einen zusätzlichen Bio-Verband?
Bernhofer: Ja, Naturland hat durchaus Platz, weil es für uns Bauern wichtig ist, Absatzmärkte außerhalb von Österreich zu erschließen. Wir Biobauern setzen viel auf Biodiversität. Eine gewisse Vielfalt schadet auch bei den Verbänden nicht.
In der Anfangsphase der Bio-Bewegung hat es die unterschiedlichsten Zusammenschlüsse gegeben. Mit der Schaffung der Bio Austria konnte eine starke Stimme geschaffen werden. Ist diese Errungenschaft jetzt in Gefahr?
Piatti-Fünfkirchen: Das würde ich nicht sagen. Natürlich stehen Bioverbände in einer gewissen Konkurrenz, aber wir haben den Anspruch zusammenzuarbeiten, auch was das interessenspolitische Engagement betrifft. Wir haben jeweils Stärken und Schwächen und es gilt Synergien zu finden.
Andere Verbände – auch aus in Deutschland und Südtirol – haben die „Bio Allianz“ gegründet, um mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen. Naturland ist da außen vor. Warum?
Piatti-Fünfkirchen: Die Frage ist, welchen Mehrwert diese Allianz wirklich bringen kann? Wir haben das noch nicht abschließend bewertet. Wir sind aber auch nicht der einzige Verband, der nicht dabei ist.
Der verstärkte Markteintritt von Naturland wurde zum Beispiel von der oberösterreichischen Landwirtschaftskammer massiv abgelehnt. Sind Sie das Gegenmodell zur offiziellen Standesvertretung?
Bernhofer: In Oberösterreich ist das auf einzelne Personen zu münzen. Da hat man aufgrund unseres exponentiellen Wachstums dunkle Wolken aufziehen sehen, nach dem Motto, jetzt werden wir vom deutschen Verband übernommen und die machen die Regeln bei uns in Österreich. Wir haben aber an und für sich einen sehr guten Zugang zur Politik in Österreich. Zu anderen Kammerpräsidenten haben wir alles in allem eine sehr gute Gesprächsbasis.
Nehmen Sie sich heraus, die biologische Landwirtschaft in Österreich auch politisch zu vertreten?
Bernhofer: Ja. Wir wollen dezidiert zusammen mit den Bio-Organisationen mitsprechen. Wenn es um politische Entscheidungen, auch zu Förderbedingungen, geht, ist es unser Anspruch, entsprechend vertreten zu sein.
Das Verhältnis zu Bio Austria stand lange Zeit nicht gerade zum Besten. Ist es da zu einer Beruhigung der Lage gekommen?
Piatti-Fünfkirchen: Doch. Wir sind im guten Austausch und in Verhandlungen zu einer Zusammenarbeit. Ich bin ja selber immer noch Bio Austria-Mitglied und war sehr lange Delegierter und im letzten Vorstand.
Sind Sie dort im Groll gegangen?
Piatti-Fünfkirchen: Nein. Wir haben einfach eine Meinungsverschiedenheit gehabt, wie man mit Problemen umgeht. Ich habe eine andere Lösung gehabt als der restliche Vorstand. Daraus habe ich meine Schlüsse gezogen.
Trotzdem hat es einiges an Unruhe gegeben.
Piatti-Fünfkirchen: Eine wesentliche Motivation, ins Präsidium von Naturland zu gehen, war für mich, eine Zusammenarbeit im österreichischen Bio-Sektor zu finden und nicht einen Konflikt heraufzubeschwören Ich kenne beide Seiten gut und möchte objektiv an der Sache arbeiten. Die Bio-Verbände sind kein Selbstzweck, sondern haben dem Biolandbau zu dienen. Ein Kampf ist sinnlos, ich kann nur in eine Kooperation gehen. Weil die Verbände aber so viel Historie haben, ist das nicht ganz einfach.
Ist das Modell der Doppelmitgliedschaft, wie es vor allem Milchbauern praktizieren, zukunftsfähig?
Bernhofer: Es birgt sicherlich Diskussionsbedarf. Zurzeit sind wir so aber zufrieden, weil es eine gegenseitige Rabattierung gibt. Ob das Arrangement immer so bleibt, wird man sehen.
Manchen Naturland-Managern in Deutschland wurden finanzielle Malversationen vorgeworfen. Was wird davon übrigbleiben?
Piatti-Fünfkirchen: Nichts. Die Behauptungen, die breitgetreten wurden und die Empörung dazu, waren ein Stück weit inszeniert. Was stimmt, ist, dass das vorherige Präsidium und die vorherige Geschäftsführung einen internen Konflikt über die zukünftige Ausrichtung hatten. Deshalb wurde im September ein neues Präsidium gewählt, das im Oktober eine neue Geschäftsführung bestellt hat. Alle Köpfe, die in diesen Streit involviert waren, sind nicht mehr da. Wir haben ein frisches Kapitel aufgeschlagen und versuchen, den Verband auf neue Schienen zu bringen.
Dass Naturland überhaupt groß in Österreich eingestiegen ist, liegt an den Vorgaben deutscher Retailer bei Molkereiprodukten. Ist die biologische Landwirtschaft dem LEH wirklich auf Gedeih und Verderb ausgeliefert?
Bernhofer: Man muss zwischen dem österreichischen und dem deutschen LEH unterscheiden. Bei uns haben die drei großen Unternehmen in den letzten Jahrzehnten bei der Vermarktung von Bio-Produkten sehr gute Arbeit gemacht, haben aber ihre eigenen Richtlinien entwickelt, nach denen die Bauern produzieren sollen. In Deutschland macht sich der Einzelhandel die Marken der Bioverbände zu Nutze und übernimmt die von den Bauern gestalteten Richtlinien mehr oder weniger eins zu eins. Im Milchbereich ist es von Vorteil, wenn man zu großen Retailern liefern kann. Alle Regeln und Richtlinien dafür werden bei Naturland entschieden.
Nichtsdestotrotz ist Naturland international tätig. Besteht nicht die Gefahr, dass heimische Produkte in den deutschen Supermarkt-Regalen eiskalt ausgetauscht werden, wenn der Preis nicht mehr passt?
Piatti-Fünfkirchen: Verdrängung ist immer ein Thema aber vor allem bei anonymer Ware in Kodex-Qualität. Da kann der heimische Rohstoff leicht einmal ausgetauscht und durch anonyme Ware ersetzt werden. Mit Naturland bekommen die Erzeugnisse unserer Bauern ein Gesicht und werden weniger austauschbar. Zusätzlich spielt Transport auch eine Rolle. Der rumänische Getreidebetrieb braucht etwa 200 Euro pro Tonne bis er in Deutschland ist. So einfach ist es also nicht.
Naturland hat auch in Südamerika oder Asien Mitglieder.
Bernhofer: Naturland ist in mittlerweile 60 Ländern dieser Welt vertreten und zertifiziert über 120.000 Bauern , auch weil die Landwirtschaft in Entwicklungsländern sehr kleinstrukturiert ist.
Piatti-Fünfkirchen: Der Anspruch, den wir uns als Naturland stellen, ist, den ökologischen Wandel weltweit voranzutreiben. Wir wollen den Anteil der Biolandwirtschaft überall erhöhen, ohne den deutschen oder österreichischen Biolandbau zu gefährden. Deshalb schauen wir uns auch immer genau an ob neue Betriebe unsere Richtlinien einhalten können, bevor wir sie aufnehmen.
Die grundsätzliche Ausrichtung wird aber in Deutschland beschlossen. Besteht nicht die Gefahr einer Fremdbestimmtheit, bei der österreichische Besonderheiten nicht mehr berücksichtigt werden?
Bernhofer: Diese Gefahr sehe ich überhaupt nicht. Als wir Naturland in Salzburg eingeführt haben, war ich selber mehrere Tage mit den Beratern draußen unterwegs, um die Stimmung aufzusaugen. Es hat sehr viele Fragen und am Anfang auch Zurückhaltung gegeben. Es hat sich aber herausgestellt, dass die Differenzen sehr gering sind und die Anforderungen mit geringsten Mitteln erfüllt werden können.
Piatti-Fünfkirchen: Der Unterschied zwischen Bayern und Salzburg ist überschaubar. Wir wollen aber gar nicht alles zentral entscheiden und werden uns hier weiterentwickeln. Es gilt natürlich, unsere Besonderheiten einzuspielen. Deshalb ist es wichtig, dass sich die österreichischen Naturland-Mitglieder mit einbringen und ihre Bedenken äußern. Dann können wir auf diese Spezifika eingehen.
Es gibt Bauern, die sind nicht aus Überzeugung auf Bio umgestiegen, sondern weil sie sich darin ein besseres Geschäft gesehen haben. Manche sind dann bald wieder weg gewesen, als die Preise nicht gepasst haben. Will Naturland solche Mitglieder überhaupt werben?
Bernhofer: Ohne ein Mindestmaß an Überzeugung wird es nicht gehen. Natürlich ist der Bauer aber genauso am Markt unterwegs und hat wirtschaftlich zu denken und zu rechnen. Deshalb, und wegen der politischen Veränderungen bei den Weidevorgaben, haben wir auf breiter Front Biobetriebe verloren. Jetzt schaut die Marktsituation einmal sehr gut aus. Speziell durch die Umstellungszeiten ist die Möglichkeit hin und her zu switchen aber maßgeblich eingeschränkt.
Wo würden Sie den Plafond beim Anteil an der Gesamtlandwirtschaft sehen?
Piatti-Fünfkirchen: Der Anteil, bei dem wir heute sind, ist sicher nicht das Ende der Fahnenstange. Ich bin aber kein großer Fan davon, dass man sich Zahlen vorschreibt. Wichtig ist, dass die Landwirtschaft generell ökologischer wird. Da spielt Bio die Pionierrolle schlechthin. Deshalb ist es wichtig, den Biolandbau weiterhin zu fördern und zu fordern, damit er für die konventionelle Landwirtschaft ein Wegbereiter ist. Wir wären in der österreichischen Landwirtschaft nicht auf einem solchen Nachhaltigkeitsniveau, wenn es den Biolandbau nicht gegeben hätte.
Franz Bernhofer (53) bewirtschaftet das Winklergut, einen Milchvieh- und Forstbetrieb in Scheffau am Tennengebirge und ist Forstwirtschafts-Ausbildner. Seit 2010 ist er Obmann-Stellvertreter der heutigen Salzburg Milch. Seit drei Jahren ist er Delegierter bei Naturland.
Zeno Piatti-Fünfkirchen (37) sitzt seit dem Vorjahr im Präsidium von Naturland und führt den Stutenhof, einen Ackerbaubetrieb mit 2.000 Hektar im Weinviertel und im angrenzenden Tschechien. Er war Vizepräsident der Land & Forst Betriebe Österreich und Vorstandsmitglied von Bio Austria. Aktuell ist er auch Obmann der ARGE Agroforst.



