Foto: Uni Graz / Schaffernak

Angebotsschock wird Jahre wirken

Die Welt hält angesichts der Blockade der Straße von Hormus den Atem an. Welche Auswirkungen diese Situation auf die Landwirtschaft hat, hat STEFAN NIMMERVOLL mit der Agrarökonomin HERMINE MITTER besprochen.

Momentan reden wir beim Dünger noch über hohe Preise. Sehen Sie auch ein Szenario, in dem er den Bauern tatsächlich ausgehen könnten?

Ich würde nicht von echten Engpässen ausgehen. Es wird eher eine Preisfrage sein. Denn eigentlich importiert Europa aus der Golfregion keine großen Mengen. Wenn diese Region aber als weltweit zweitgrößter Bereitsteller von Düngemitteln ausfällt, können dies andere Düngemittelproduzenten nicht vollständig kompensieren. Theoretisch könnte Russland einspringen – das ist nicht ganz einfach; dort hat man für Ammoniumnitrat ein temporäres Exportverbot verhängt. Auch aus Ägypten und Algerien hat Europa in den letzten Jahren stark importiert. Dort fragen nun auch andere Länder verstärkt nach. Die Preise sind deswegen substanziell gestiegen. Außerdem ist Ägypten von Erdgas aus Israel abhängig. Und China ist ein wichtiger Player. Aber auch dort gibt es Exportbeschränkungen. Bei Kali und Phosphor könnte Kanada einspringen. Bei diesen haben wir aber derzeit gar nicht das große Problem.

Beim Treibstoff gibt es eine Krisenreserve. Müsste das angesichts der immer unsicherer werdenden Versorgungslage auch bei Dünger so gehandhabt werden?

Die Diskussion ist interessant. Immerhin haben wir Öl-, Gas- und Goldreserven. Und beim Lebensmittelbewirtschaftungsgesetz wurde eben erst nachgeschärft, damit wir strategische Lebensmittelvorräte aufbauen können. Österreich war da bisher zurückhaltender als Deutschland oder die Schweiz.

Das Borealis-Dünger-Werk in Linz wurde an die tschechische Agrofert-Gruppe verkauft. War es rückblickend ein Fehler, die Produktion aus österreichischer Hand zu geben?

Ich verstehe die Sorge, bin aber eine sehr große Befürworterin des europäischen Gedankens. Tschechien ist ein EU-Mitgliedsland. Deshalb würde ich das nicht als großes Problem einstufen. Und es gibt auch noch andere Düngerwerke, zum Beispiel in Deutschland.

Ein Gutteil kommt aber von außerhalb. Ist es notwendig, die CO2-Grenzausgleichssystem CBAM für Düngemittel aufzuheben, wie es Landwirtschaftsminister Totschnig fordert?

CBAM ist aus europäischer Sicht ein ziemlich heikles Thema. Die Grundidee entstammt der Klimapolitik. Sie soll sicherstellen, dass europäische Düngemittelproduzenten – die für Treibhausgasemissionen Zertifikate kaufen müssen – mit ausländischen Produzenten gleichgestellt werden. So soll es zu keinem Carbon Leakage, also zur Auslagerung der Produktion und den damit verbundenen Emissionen, kommen. Im Dezember wurde CBAM dahingehend aufgeweicht, dass man im Nachhinein auch Produkte wieder ausnehmen kann, aufgrund unvorhergesehener Ereignisse. Bei einer Zustimmung für Ausnahmen bei Dünger läuft man aber Gefahr, dass aus Klimasicht viel wichtigere Sektoren wie Eisen, Stahl und Aluminium dasselbe fordern. Dagegen hat sich Klimakommissar Hoekstra Anfang März klar ausgesprochen. Die Balance zwischen einem Instrument, das für Klimapolitik gedacht war, und aktuellen Herausforderungen in der Handelspolitik auszuverhandeln, ist eine Herausforderung.  Das wird kein einfacher Spagat.

Auch die Sanktionen gegen Russland und Weißrussland könnte man aufweichen.  

Dafür gibt es Vorschläge von der EU-Kommission. Allerdings stellt sich die Frage, wie weit das überhaupt ein Thema sein kann, wenn sich Russland selbst mit Exporteinschränkungen absichert. Dort sind einige Düngerwerke angegriffen worden. Deshalb will es sicherstellen, dass man den eigenen Bedarf für diese Vegetationsperiode gut abdecken kann.

Viele Bauern haben ihren Dünger für die kommende Saison bereits eingelagert. Aber wie soll die konventionelle Landwirtschaft mittelfristig auf den Engpass reagieren?

Es ist schwierig, bei den ganzen globalen Rahmenbedingungen auf betriebswirtschaftlicher Ebene Entscheidungen zu treffen. Die Nährstoffeffizienz dauerhaft zu steigern, ist aber sicher lohnend.

Es geht nicht nur um den Dünger, sondern auch um Diesel. In Österreich wurde die Spritpreisbremse gezogen. Wie wirksam kann diese sein?

Da gibt es drei Aspekte: Mit der Mineralölsteuersenkung werden Haushalte entlastet, um die Inflation zu dämpfen. Das ist grundsätzlich sinnvoll. Die Maximalmargen und die zeitlichen Einschränkungen, wann Preiserhöhungen stattfinden dürfen, sehe ich eher problematisch, weil man damit den Wettbewerb einschränkt. Ihn müsste man hingegen eher stärken.

Der Bauernbund will darüber hinaus die Wiedereinführung von Agrardiesel. Ist das aus ökonomischer Sicht sinnvoll?

Das ist angesichts der Umstände verständlich. Das langfristige gesamtgesellschaftliche Ziel beim Klimaschutz ist aber, Anreize zu setzen, den Dieselverbrauch in der Landwirtschaft zu reduzieren. Das ist in den letzten Jahren auch passiert. Jetzt wäre es wichtig, Richtung neuer Technologien, zum Beispiel bei der Elektrifizierung der Antriebe, weiterzukommen.

Das ist am Acker aber noch eine große Herausforderung.

Absolut. Deshalb verstehe ich auch die Forderung nach Agrardiesel. Man darf nur das Langfristige nicht aus den Augen verlieren.

Braucht es im Extremfall eine Rationierung von Treibstoff, bei der die Landwirtschaft bevorzugt wird?

Bei Rationierungen wäre ich vorsichtig. In der Vergangenheit hat das die Schattenwirtschaft begünstigt. Der Aufwand für Kontrollen wäre enorm.

Letztlich braucht es bei der Produktion von anderen Betriebsmitteln, wie zum Beispiel zum Pflanzenschutz, chemische Grundstoffe aus Erdöl und Energie. Werden wir da jemals wieder zu Preisniveaus zurückkehren, wie wir sie vor der Krise erlebt haben?

Im EU Agricultural Outlook 2025-2035 der Europäischen Kommission steht grundsätzlich klar drinnen, dass sich die Input-Preise nicht mehr zurückbewegen werden. Damals ist es aber nur um die Ukraine-Invasion gegangen, vom Krieg gegen den Iran hat da noch niemand etwas gewusst.

Was wird die Situation für die Lebensmittelpreise bedeuten?

Im globalen Kontext gibt es eine Studie der OECD aus 2024, die einen Angebotsschock von minus 20 Prozent bei Düngemitteln modelliert. Die erwartbaren Preisentwicklungen für Düngemittel sind dabei erschreckend – mit einer Zeitverzögerung aufgrund von Lagerkapazitäten gehen sie um 80 Prozent hinauf. Der Rückgang der Preise zieht sich dann über ein paar Jahre. Auf Lebensmittel umgelegt ergibt sich beim Food Price Index der FAO im Durchschnitt ein Anstieg zwischen sechs und 15 Prozent, allerdings mit regionalen Unterschieden.

Was bedeutet das für den Hunger auf der Welt?

Wir können damit rechnen, dass weniger Stickstoff eingesetzt wird, sprich die Erträge zurückgehen und sich die Kulturartenzusammensetzung verändert. In Europa werden wir von der Lebensmittelversorgung nach wie vor zu den bevorzugten Gebieten gehören und nicht unmittelbar gefährdet sein. In den ärmsten Ländern der Welt muss man aber damit rechnen, dass es zu einem Anstieg an Hungernden kommen wird.

Wenn morgen die Straße von Hormus aufgeht: Wie lange würde es dauern, bis wieder halbwegs normale Verhältnisse auf den Märkten herrschen?

Nicht von heute auf morgen. Einerseits deswegen, weil die Effekte, wie beschrieben, länger nachwirken. Aber auch, weil es nicht das einzige Problem ist, das wir momentan haben. Ich würde jedenfalls damit rechnen, dass der Angebotsschock Auswirkungen für mehrere Jahre haben wird.

 

Hermine Mitter ist auf einem oberösterreichischen Milchviehbetrieb aufgewachsen. Mehr als zehn Jahre hat sie am Institut für Nachhaltige Wirtschaftswissenschaften an der Universität für Bodenkultur in Wien zu agrarischen Themen geforscht und gelehrt. Seit 2024 ist Mitter Professorin für Nachhaltigkeit, Klimawandel und menschliches Verhalten am Institut für Umweltsystemwissenschaften an der Universität Graz.