Alte Sorten: Vielfalt oder Freilichtmuseum?
Die Europäische Kommission möchte ihr Saatgutrecht neu aufsetzen. Der Verein „Arche Noah“ befürchtet, dass damit der Austausch von Landsorten zwischen Bauern verunmöglicht wird. Die Industrie warnt hingegen vor illegalen Parallelmärkten.
Es ist eine schier endlose Geschichte: Schon 2013 versuchte die EU-Kommission, die „Verordnung zur Produktion und Vermarktung von Pflanzenvermehrungsmaterial“ zu reformieren. Damals sind die Bürokraten mit ihrem Ansinnen noch gescheitert. Diesmal hat es der Sachverhalt bis in den Trilog zwischen Rat, Parlament und Kommission geschafft. „Die Lernkurve ist aber flach“, beklagt Paul Grabenberger, Saatgutpolitik-Referent von Arche Noah in Brüssel. Der weltweite Saatgut-Markt ist 50 Milliarden US-Dollar schwer, es würden Hybride für Mais, Soja und Getreide, sowie die vier großen Namen des multinationalen Agro-Business dominieren. Daneben gibt es die kleinbäuerliche Pflege von Erhaltungssorten, die oftmals schon seit Generationen weitervermehrt wurden. „Für diese lokale Saatgutproduktion hat die Kommission aber absurde Restriktionen in den Entwurf aufgenommen“, warnt Grabenberger.
Die Saatgut-NGO, die sich um den Aufbau eines Samenarchivs verdient gemacht hat, sieht ein undifferenziertes Einheitssystem mit neuen Anforderungen an Verwaltung und Produktion, die für Konzerne gleichermaßen gelten wie für Kleinstunternehmen. Die Multis würden sich mit den Vorgaben für Getreide und Erdäpfeln nicht schwertun. Aber auch von Mini-Produzenten würden nun Rückverfolgbarkeit, Dokumentation und Labortests in vollem Ausmaß eingefordert. Wer mit regionalem Nischensaatgut alter Sorten im Sinne einer wirtschaftlichen Nutzung handeln will, muss dieses womöglich anmelden. Eine Weitergabe ist demnach nur mehr unentgeltlich in kleinen Mengen möglich. Was als „kommerziell“ gilt, ist im Trilog aber noch massiv umstritten. „Manche unserer Partner haben 150 Sorten. Müssten sie für alle ansuchen, überfordert sie das administrativ und finanziell.“ Einer Umfrage zufolge würden 30 Prozent der Betriebe das Angebot an Arten und Sorten reduzieren, 13 Prozent ihre Tätigkeit vollständig einstellen. „Damit verschwindet die Vielfalt“, so Grabenberger.
Auch ein Austausch von Raritäten über Grenzen hinweg, etwa zwischen Nord- und Südtirol oder Salzburg und Bayern wäre dann illegal. „Vor hundert Jahren war eine große Vielfalt Standard“, erklärt der Experte für Marktgärtnerei, Alfred Grand, „Ernährungssouveränität beginnt beim Saatgut. Der Erhalt der Buntheit ist wichtig, um weiterzüchten zu können.“ Auch sei es notwendig, sich die Verschiebung der Klimazonen anzuschauen, und zum Beispiel Getreidesorten aus wärmeren und trockeneren Regionen herzubringen, weil diese vielleicht unter geänderten Bedingungen in Österreich funktionieren könnten, sagt der Bio-Landwirt aus Absdorf. Alles aus einer Hand sei ein Risiko. „Angenommen, die eine Supersorte wird entwickelt und alle bauen sie an: Wenn dann ein Krankheitserreger Resistenzen entwickelt, haben wir ein massives Problem.“
Auch die Vereinigung Saatgut Austria, die die Pflanzenzucht vertritt, sieht den Entwurf kritisch, allerdings aus einer anderen Richtung. Sie erkennt eher zu viele als zu wenige Erleichterungen. „Schon im gültigen Rechtsrahmen gibt es bestimmte Verpflichtungen und Beschränkungen für die Vermarktung von Saatgut alter Sorten“, unterstreicht Geschäftsführer Anton Brandstetter. Damit sei die Möglichkeit eines Austausches von angemeldeten Erhaltungssorten zwischen Landwirten bisher begrenzt gewesen. „Im aktuellen Vorschlag stehen viel mehr Ausnahmen als jetzt.“ Dies sei abzulehnen, selbst wenn es sich dabei nur um nicht geschützte Sorten handeln dürfe. „Damit wird dem illegalen Handel Tür und Tor geöffnet. Dieser ist schon jetzt schwer zu beweisen. In Zukunft ist eine Mengenkontrolle dann völlig unmöglich, was Parallelmärkte erleichtert.“
Bei der Abstimmung im Rat hat sich Österreich unter Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig enthalten. ÖVP-Europaparlamentsabgeordneter Alexander Bernhuber versucht den Spagat zwischen beiden Positionen. „Dem Bauernbund ist wichtig, dass das zukünftige Saatgutrecht praxistauglich ist und sowohl Innovation in der Züchtung als auch die Vielfalt ermöglicht.“ Grundsätzlich gehe es bei der Reform darum, einen klaren Rechtsrahmen zu schaffen, der sowohl einen funktionierenden Binnenmarkt als auch eine stabile Versorgung mit Saatgut in Europa sicherstellt. Einen Kniefall vor der Industrie sieht Bernhuber aber nicht. „Entscheidend ist vielmehr, dass am Ende ein ausgewogener Kompromiss steht, der unterschiedliche Interessen berücksichtigt. Deshalb braucht es klare und praktikable Ausnahmen für die Erhaltung alter und seltener Sorten sowie für die bäuerliche Weitergabe von Saatgut.“
Es sei unverständlich, dass von NGOs suggeriert werde, dass mit der neuen Verordnung alles schlechter werde, bedauert Saatgut Austria-Geschäftsführer Brandstetter. „Die Menge ist eine Nische, die uns nicht weh tut. Wenn ich Saatgut aber über die Freimengen für Forschung, Versuche und den privaten Bereich hinaus in größerem Stil weitergebe, brauche ich eine Zulassung.“ Denn eine Folge von mangelnder Regulierung könnten auch phytosanitäre Probleme sein, wenn Qualitätsstandards nicht eingehalten werden. Die meisten Landwirte würden Hochzuchtsorten wolle. Nur bei sehr extensiver Bewirtschaftung komme man vielleicht mit extensiver Genetik weiter. „Versuche haben gezeigt, dass Getreidesorten aus den 1950-er-Jahren sogar unter Bio-Bedingungen umfallen und bei Krankheitsresistenzen schlechter sind.“
Auch Bauern würden untereinander nichts Schlechtes weitergeben wollen, widerspricht Paul Grabenberger von Arche Noah. „Alte Sorten bringen vielleicht nicht die Spitzenleistung, aber einen stabilen und verlässlichen Ertrag.“ Arche Noah sei nicht gegen Regeln, sondern für Ausnahmen für kleinteilige Saatgutproduzenten. „Wenn sie den Kampf gegen Bayer & Co anfangen müssen, sind sie weg vom Markt.“ Die Sorten aus dem Archiv dürften nicht nur gelagert, sondern müssten auch überall in Europa angebaut werden. „Nur so können wir die Samen-Infrastruktur für eine nachhaltige Landwirtschaft erhalten und den enormen Verlust stoppen. Sonst verkommen wir im schlimmsten Fall zu einer Art Freilichtmuseum.“
