„Unterstreichen, dass es wirklich brennt“
Die heimische Landwirtschaft stöhnt unter schwierigen Rahmenbedingungen, die Stimmung ist gedrückt. STEFAN NIMMERVOLL hat Jungbauern-Obfrau VIKTORIA HUTTER gefragt, wie sie zu Demonstrationen, Mercosur und Agrardiesel steht.
Ihre Heimat, der Niederösterreichische Bauernbund, hat vor kurzem seinen 120. Geburtstag mit einem großen Fest. Gibt es überhaupt viel zu feiern?
Es ist weniger ums Feiern als um die Perspektive und den Blick in die Zukunft gegangen. Wir wissen alle miteinander, dass die Lage in der Agrarwirtschaft angespannt ist. Dabei haben wir ein West-Ost-Gefälle. Gerade im Ackerbau haben wir extremen Druck, weil die Betriebsmittelpreise steigen und die Produktpreise, gerade im Getreide, im Sinkflug sind. Das geht sich alles nicht mehr aus. Insofern braucht es dringend Lösungen, für die der Bauernbund mit seinen 120 Jahren Erfahrung der richtige Partner ist.
Andere agrarische Vertretungen haben vor der Festhalle eine Gegendemo gegen die Politik abgehalten. Sie haben in einem Brief gebeten, diese nicht durchzuführen. Sind kritische Gruppen unerwünscht?
Kritik ist selbstverständlich zulässig und wir reden mit allen, die ernsthaft an Lösungen interessiert sind. Mir ist nur wichtig, dass Bäuerinnen und Bauern nicht gegeneinander ausgespielt werden. Gerade in einer schwierigen Phase braucht es Zusammenhalt und einen respektvollen Umgang miteinander. Es ist aber ein seltsames Zeichen, wenn Bauern gegen Bauern demonstrieren.
Die Demo des Bündnis Zukunft Landwirtschaft in Wien war ein großer Erfolg. Sehen Sie eine Notwendigkeit, für die Anliegen der Bauern auf die Straße zu gehen?
Eine Demonstration ist nie Selbstzweck. Aber sie kann notwendig sein, wenn Anliegen sichtbar gemacht werden müssen. Viele Themen, die dort angesprochen wurden, beschäftigen auch uns seit Jahren. Dazu gehören faire Preise, Herkunftskennzeichnung, gleiche Standards für Importe und Planungssicherheit für die Betriebe. Wichtig ist mir, dass wir nicht gegen andere Bauern auftreten, sondern gemeinsam für unsere Höfe, für unsere Lebensmittelproduktion und für faire Rahmenbedingungen.
Der Bauernbund sitzt aber immerhin auch in der Regierung. Wäre das nicht die bessere Bühne, um die Anliegen der Landwirtschaft durchzubringen?
Wir müssen alle Ebenen nützen, die uns zur Verfügung stehen. Wir haben wichtige Vertreter in unseren Reihen. Mit Norbert Totschnig haben wir einen Landwirtschaftsminister, der die Anliegen der Bäuerinnen und Bauern mit Nachdruck vertritt. Regierungsarbeit ist aber nicht „Wünsch Dir was“. Wir haben keine absolute Mehrheit, weder im Parlament noch innerhalb der ÖVP. Wir müssen Mehrheiten finden. Bei der Demo wollten wir unterstreichen, dass es wirklich brennt. Dabei ist es mir aber ein Anliegen, dass wir nicht gegen, sondern für etwas demonstrieren.
Stimmt der Eindruck, dass es dem Bauernbund geschickt gelungen ist, die Forderungen des Bündnisses als seine eigenen darzustellen?
Das kommt ganz auf die Sichtweise an: Viele haben zu mir gesagt, der Bauernbund war viel zu wenig präsent. Es war allerdings der Wunsch der Organisatoren, dass man die Demo nicht als seine eigene Bühne nutzt. Darum haben wir bei der Eröffnungskundgebung unsere Transparente weggeräumt. Im Nachgang hat es dann oft geheißen, ihr habt das vereinnahmt. Ich glaube, wenn sich beide Richtungen aufregen, war es wohl ein guter Mittelweg.
Sie wurden auf der Ringstraße ziemlich beschimpft. Und ein bekannter Bauernrebell hat mit seinen What´s App-Nachrichten eine ziemliche Hasskampagne gegen sie losgetreten. Beutelt man so etwas ab oder fragt man sich, warum man sich das überhaupt antut?
Es ist eine Mischung. Für mich war es das erste Mal, im Zentrum von Schimpftiraden zu stehen. Die Aggressivität, mit der manche herkommen und einen aus zehn Zentimetern Entfernung anschreien, war schon heftig. Im Nachgang habe ich ein Wochenende lang Telefonterror mit stündlichen Sprachnachrichten, Videos und Fotos gehabt. Natürlich macht das etwas mit einem. Zwischendurch habe ich mir gedacht, ich blockiere das, habe mich aber dagegen entschieden, weil es mir wichtig ist zu erfahren, was das Problem ist. Letztlich wollte ich meine Energie in Positives stecken und habe als Antwort ein kurzes Video gemacht, in dem ich aufzeigen wollte, dass es nicht stimmt, dass ich keine richtige Bäuerin bin, wie manche Herren in ihren Nachrichten behauptet haben. Ich lasse mich jedenfalls nicht einschüchtern, auch wenn es der Wunsch mancher ist, dass ich still bin.
Wie viel von den Forderungen der Demo ist wirklich umsetzbar?
Einige Forderungen sind absolut richtig und auch notwendig. Bei der Herkunftskennzeichnung sind wir aktuell gerade wieder in Verhandlungen. Ich hoffe, dass sie kommt, weil ich aus der Bevölkerung vernehme, dass sie gewünscht und gefordert ist. Auch dass die Importstandards die gleichen sind wie bei uns in der EU, muss unser oberstes Ziel sein, damit wir die Versorgungssicherheit bei uns gewährleisten können. Da müssen wir dranbleiben.
Warum tut sich der Bauernbund so schwer, Anliegen wie die verpflichtende Herkunftskennzeichnung in der Gastronomie innerhalb der Partei durchzubringen?
Weil die ÖVP eine Partei ist, die sehr breit aufgestellt ist, von der Landwirtschaft über die Wirtschaft bis zu den Arbeitnehmern. Dass alle miteinander am Tisch sitzen, ist eine Stärke von uns. In manchen Punkten sind die Meinungen aber gegensätzlich. Da muss man erst innerparteilich eine Mehrheit finden. Die Herkunftskennzeichnung ist genauso ein Thema. Wir werden hier jedenfalls nicht lockerlassen.
Für sie sind mittlerweile alle anderen Parlamentsparteien. Trotzdem geht nichts weiter. Hat sich der Wirtschaftsbund da in eine unhaltbare Position verrannt?
Schauen wir, wie sich die anderen Parteien entscheiden, wenn es hart auf hart kommt. Auch die FPÖ hat einen starken Wirtschaftsflügel. Sie hat schon öfters bewiesen, dass sie am Ende des Tages gegen die Bauern stimmt, siehe Glyphosat oder Tiertransportverordnung. Am Ende zählen nicht Ankündigungen, sondern konkrete Entscheidungen. Wir werden jede Partei daran messen, ob sie bei Herkunft, fairen Standards und Schutz der heimischen Produktion auch dann dazu steht, wenn es um die Umsetzung geht.
Müssen die Bauern bis zur Bildung einer nächsten Regierung warten, bis sie kommt?
Nein, darauf reden wir uns nicht hinaus. Wir müssen jede Möglichkeit nutzen, um jetzt Fortschritte zu erreichen. Als erstes ist jetzt aber das Doppelbudget entscheidend, um die Gelder für die Bauern auf der Fläche abzusichern.
Apropos: Ist der Agrardiesel mehr als nur ein kleines Trostpflaster für die nächsten beiden Jahre?
Er ist ein wichtiges Signal, dass die Sorgen der Bauern gehört werden, in Zeiten, wo wir sparen müssen. Wenn überall über Kürzungen diskutiert wird, ist es keine Selbstverständlichkeit, 100 Mio. Euro zusätzlich auf die Betriebe zu bringen. Ohne Diesel gibt es keine Bodenbearbeitung, keine Ernte und keinen Transport. Gerade bei hohen Betriebsmittelkosten zählt jede konkrete Entlastung am Hof.
Gleichzeitig gibt es bei der Sozialversicherung steigende Beiträge. Zahlen sich die Bauern ihre Entlastungen damit am Ende nicht selbst?
Nein, so einfach ist es nicht. Das kann man nicht gegeneinander aufrechnen. Der Agrardiesel ist eine gezielte Entlastung bei einem zentralen Produktionsfaktor. Bei der Sozialversicherung gibt es je nach Betrieb mehrere Möglichkeiten der Berechnung. Dort, wo es eng wird, braucht es praxistaugliche Lösungen wie Stundungen, Ratenzahlungen und Härtefallregelungen. Letztendlich gibt es auch die Möglichkeit zu optieren und nach dem tatsächlichen Gewinn zu zahlen, wie wir das zu Hause machen. Am Ende des Tages möchte ich aber auch eine Pension haben. Deshalb muss jeder Betrieb genau prüfen, welche Variante zur eigenen Situation passt.
Ein weiteres Prestigeprojekt der Regierung ist die Mehrwertsteuersenkung. Ist die mehr als nur teure Symbolpolitik?
Aus landwirtschaftlicher Sicht sind wir grundsätzlich der Meinung, dass Lebensmittel einen Wert haben müssen. Die Haushaltsausgaben dafür sind in Österreich im Europavergleich die geringsten. Insofern ist es eine kleine Entlastung für die Konsumenten. Für uns bleibt zentral, dass mehr Wertschöpfung am Hof ankommt.
Mercosur ist gerade in Kraft getreten. Wird der Freihandel auf Kosten der Bauern umgesetzt?
Wir waren bei Mercosur von Anfang an klar dagegen. Deshalb hat Österreich auch mit Nein gestimmt. Die Entscheidung auf europäischer Ebene ist gefallen. Aber jetzt geht es darum, dass unsere Betriebe nicht überbleiben. Freihandel braucht faire Regeln. Deshalb brauchen wir gleiche Standards, lückenlose Kontrollen, klare Herkunftskennzeichnung und wirksame Schutzmechanismen.
Brasilianisches Rindfleisch soll nicht in die EU kommen, weil es mit verbotenen Hormonen belastet ist. Allerdings erst ab September. Verstehe wer wolle, warum ein Importstopp erst nach Monaten gültig ist.
Wenn hormonbelastetes Fleisch bei Kontrollen festgestellt wird, dann wird es sofort aus dem Verkehr gezogen. Den Importstopp hat die EU verhängt, weil das Nachweissystem, mit dem Brasilien den Einsatz von Antibiotika und anderen antimikrobiellen Mitteln in der Tierhaltung dokumentiert, nicht ausreichend ist. Bis 3. September muss Brasilien die fehlenden Nachweise erbringen. Solange dies nicht der Fall ist, hat brasilianisches Fleisch am EU-Markt keinen Platz. Genau das zeigt, warum wir bei Mercosur auf gleiche Standards, lückenlose Kontrollen und echte Schutzmechanismen pochen.
Auch aus der Ukraine sind Agrarprodukte hereingekommen. Der Ackerbau stöhnt unter schlechten Getreide- und Zuckerpreisen. Hat man die Bauern da bewusst ins Messer laufen lassen?
Nein, wir haben immer betont, dass der Schutz unserer Landwirtschaft Vorrang haben muss. Aber gerade das Signal, dass die Ukraine offiziellen Beitrittsstatus hat, hat für große Verunsicherung unter der Bauernschaft gesorgt. Gleiche Produktionsbedingungen sind unabdingbar. Ich bin daher sehr froh, dass es mittlerweile ein Abkommen gibt, das vorsieht, dass die Ukraine ab 2028 die EU-Produktionsstandards einhalten muss. Man kann nicht willkürlich alles hereinkommen lassen.
Wie zufrieden sind die Jungbauern mit der Performance der Kommission von der Leyen?
In der letzten Periode ist alles in Richtung grün gegangen. Da ist viel passiert, wo wir jetzt darum kämpfen, dass wir es wieder wegbringen. Bei Dingen wie der Renaturierungskeule und der Entwaldungsverordnung wissen wir noch nicht, was auf uns zukommt. Mit „Umwelt um jeden Preis“ haben wir uns die Wirtschaft ausgeknockt. Genauso geht es uns in der Landwirtschaft. Wir müssen dranbleiben, damit wir vieles wieder in eine gangbare Richtung bringen. Unsere Produktion zu verkleinern, aber dann importieren zu müssen, ergibt keinen Sinn.
Agrarkommissar Christophe Hansen ist mit zahlreichen Vorschusslorbeeren als „Bauern-Versteher“ ins Amt gekommen.
Ich sehe ihn grundsätzlich sehr positiv. Er kommt aus der kleinstrukturierten Landwirtschaft und setzt sich sehr für die Jungbauern ein. Mit den Budgetverhandlungen hat er aber eine schwierige Zeit vor sich. Dass das gesamte EU- Budget größer und das Agrarbudget kleiner werden soll, ist keine Option für uns.
Die eigenständige zweite Säule soll abgeschafft werden. Genau aus dieser kommen aber die Gelder für Österreich.
Das ist für Österreich natürlich eine sehr schwierige Entwicklung. Gerade die zweite Säule war für unsere Landwirtschaft zentral, weil daraus wichtige Programme für ländliche Entwicklung, Bergbauern, Umweltleistungen, Investitionen und die Wettbewerbsfähigkeit unserer Betriebe finanziert wurden. Österreich hat eine kleinstrukturierte Landwirtschaft mit vielen Berg- und benachteiligten Gebieten. Deshalb muss jetzt sichergestellt werden, dass diese Mittel auch in der neuen Struktur verlässlich bei unseren Betrieben ankommen. Entscheidend ist nicht der Name des Topfes, sondern dass die Leistungen unserer Bäuerinnen und Bauern abgesichert bleiben.
Ein Vorschlag ist auch, dass reichere Länder einen Anteil von 70 Prozent zur Kofinanzierung von Maßnahmen leisten sollen, ärmere nur 30. Auch in Österreich sind die Budgets aber knapp. Werden dann überhaupt alle Maßnahmen durchfinanzierbar sein?
Genau das ist unsere Sorge. Unterschiedliche Kofinanzierungssätze würden zu einer massiven Wettbewerbsverzerrung führen. Österreich spart derzeit ebenfalls, und die Bundesländer haben auch keine unbegrenzten Spielräume. Deshalb darf die EU ihre Verantwortung nicht auf die Mitgliedstaaten abschieben. Eine starke Gemeinsame Agrarpolitik braucht eine solide europäische Finanzierung.
Österreich hat die jüngste Landwirtschaft Europas und wird dafür immer wieder als Vorbild hervorgehoben. Was machen wir besser als andere?
Gerade mit der Niederlassungsprämie, dem Junglandwirte-Top Up und weiteren Förderprogrammen für Junglandwirte haben wir vieles richtig gemacht. Auch unser agrarisches Schulsystem gehört zu den besten in Europa. Darauf wollen wir aufbauen, damit das so bleibt. Wir haben knapp unter 25 Prozent Junglandwirte. In den nächsten Jahren werden aber auch 30 Prozent in Pension gehen. Da ist es wichtig, dass man die Jungen gut abholt und die Betriebe unterstützt. Denn jeder Euro für die Junglandwirte bringt eine Wertschöpfung von 1,78 Euro. Das hat man in fast keiner anderen Branche. Wenn junge Betriebsführer Höfe übernehmen, bringen sie viele Ideen und Innovation hinein. Sie möchten sich verwirklichen, sie möchten etwas schaffen und etwas bauen. Da müssen wir ansetzen, denn das fördert auch die regionale Wirtschaft.
Was braucht es, damit es auch so bleibt?
Da haben wir einige Ideen in unserem Jungbauern-Forderungspapier. Wichtig ist zum Beispiel, dass Jungübernehmer bei Investitionen gezielt unterstützt werden. Der 5-Prozent-Zuschlag bei der Investitionsförderung ist ein wichtiger Hebel, den wir von fünf auf zehn Jahre verlängern wollen. Gerade in den ersten Jahren nach der Hofübernahme stehen viele große Entscheidungen und Investitionen an, die gut überlegt und ohne Zeitdruck getroffen werden sollen. Dazu kommen faire Preise, weniger Bürokratie, praxistaugliche Auflagen und Zugang zu Investitionen. Wer junge Menschen zur Hofübernahme motivieren will, muss ihnen zeigen, dass Landwirtschaft Zukunft hat.
Welche Perspektive können Sie als Jungbauern-Obfrau denn den Hofübernehmern bieten?
Wir dürfen uns die Landwirtschaft per se nicht schlecht reden. Wir haben große Herausforderungen. Die nehmen wir ernst. Aber Landwirtschaft ist einer der vielseitigsten und sinnstiftendsten Berufe überhaupt. Es gibt so viele Möglichkeiten, bei denen man sich selbst verwirklichen kann. Wenn ich das am Ende des Tages noch gut kalkuliere, wird jeder seinen Weg finden.
Viktoria Hutter (35) ist seit 2023 Bundesrätin für Niederösterreich und seit 2024 Vorsitzende der Österreichischen Jungbauern. Sie führt gemeinsam mit ihrem Bruder einen Bio-Ackerbaubetrieb zweitem Schwerpunkt Forst im Bezirk Waidhofen an der Thaya im Waldviertel.

