Jeder Krämer lobt seine War´
Brasiliens Landwirtschaft gilt in Europa als Negativbeispiel für Raubbau an der Natur und unendliche Monokulturen. STEFAN NIMMERVOLL hat sich im Hinterland von São Paulo angehört, wie sich die dortige Agrarbranche verteidigt.
Eine Militärdiktatur mit chronischem Hunger. Das war Brasilien noch in den 70-er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Rückständig in der Landwirtschaft, abhängig von Lebensmittelimporten. Dann kam die agrarische Revolution. Riesige Flächen in der Cerrado-Savanne im Herz des Landes und im Amazonas wurden umgebrochen und entwaldet und damit für den Ackerbau urbar gemacht. Gewaltige Rinderherden wurden aufgebaut. Mit der Gründung der staatlichen Forschungseinrichtung Empresa Brasileira de Pesquisa Agropecuária, kurz Embrapa, im Jahr 1973 wurde ein Fortschrittsglaube implementiert, der sich strikt an der Wissenschaft und an der Überzeugung der Unfehlbarkeit von modernen Technologien orientiert. Die landwirtschaftliche Produktion wurde damit binnen fünf Jahrzehnten um 800 Prozent gesteigert.
Heute füllt das riesige Land die Mägen der Welt. Eine Milliarde Menschen können von brasilianischen Produkten satt werden. Dabei leben dort nur 219 Mio. Menschen. Dementsprechend viel wird exportiert. Und dementsprechend wichtig ist den Lateinamerikanern der Zugang zum europäischen Konsumenten über Mercosur. Denn rund 30 Prozent des Bruttoinlandsproduktes stammen aus der agrarischen Produktion. 4 von 10 Reales im Export werden mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen verdient; im Jahr 2023 insgesamt fast 147 Milliarden Dollar. Ein Viertel aller Jobs im Land hängt an der Landwirtschaft. Die grüne Revolution hat Wohlstand in entlegene Regionen gebracht. In vielen der ehemaligen Armenhäuser der Republik herrscht heute Vollbeschäftigung. Und das Agrobusiness boomt weiterhin. „Wenn Du heute für jungen Damen sexy sein willst, darfst Du nicht mehr Fußballer oder Sambatänzer sein, sondern Fazendairo“, wird über die Attraktivität von Großbauernsöhnen gescherzt.
Ingo Plöger ist ein vielfältig tätiger Unternehmer und unter anderem Vizepräsident der Agrarwirtschaftsvereinigung Associação Brasileira do Agronegócio, ABAG. Der 77-jährige entstammt einer Auswandererfamilie, spricht perfekt Deutsch und kennt beide Seiten des Atlantiks gut. Brasilien habe in der agrarischen Produktion viele Vorteile. „Die tropische Landwirtschaft basiert auf der doppelten Kraft der Photosynthese als bei Euch im Norden“, erzählt er beim Treffen mit Agrarjournalisten in der zentral im Bundesstadt São Paulo gelegenen Stadt São Carlos. Dreimal kann in den besten Anbaugebieten geerntet werden – direkt hinter dem Sojadrescher fährt schon wieder die Maisdrillmaschine. Danach wird oft noch Hirse oder Futtergras nachgeschossen.
Dennoch fühlt sich der glühende Kämpfer für das Freihandelsabkommen Mercosur unfair behandelt: „Was mit dem Green Deal geschehen ist, war die größte Marktintervention seit dem Ende der Sowjetunion. Die EU muss endlich Wettbewerb zulassen. Jede weitere Verzögerung wäre dabei ein unseliges politisches Signal.“ Auch die Entwaldungsverordnung werde noch einmal verschoben, weil niemand unter solchen Bedingungen liefern wolle, orakelt Plöger. Wenn erst einmal die marode Transportinfrastruktur verbessert sei und man die Pazifikhäfen erreichen könne, werde Brasilien sonst eben lieber mit China Handel treiben. „Europa schläft, seine Institutionen sind blind und taub für die weltweiten Entwicklungen. Wir müssen es aufwecken.“
Der rasante Fortschritt bei der Produktivität geht einstweilen weiter: Auf mancher Fazenda träumt man bereits von einem vierten Mal Ertrag. Möglich soll das mit hocheffizienten agronomischen Praktiken werden. So wie auf beinahe jede Frage, die man auf den Farmen rund um São Carlos stellt, lautet die erste Antwort dafür: „Gentechnik!“ Die im Bundesstaat São Paulo besonders wichtige Zuckerrohrindustrie hat etwa 2020 den Plan gefasst, ihren Hektarertrag binnen 20 Jahren zu verdoppeln. In der aktuellen Situation geht das meiste davon, ebenso wie auch immer mehr Mais, in die Gewinnung von Ethanol als Treibstoff. Die hohen Ölpreise lassen die Zuckerbarone momentan jubeln. Erst jüngst wurde die national verpflichtende Zumischquote zum Benzin erhöht. Die Destillateure schielen aber auf den weltweiten Energiemarkt. „Wir können der ganzen Welt in Zeiten des Verlustes der globalen Ordnung Sicherheit zur Verfügung stellen und sind darauf vorbereitet, Länder zu versorgen, die mehr Nahrungsmittel und Energie brauchen“, wirbt Luis Rua, der im Landwirtschaftsministerium für Handel und internationale Beziehungen zuständig ist. „Wir sichern den Frieden.“
Er weist Horrorgeschichten, die in Europa über die brasilianische Landwirtschaft kursieren, vehement zurück: „Da wurde ein Narrativ aufgebaut, das nicht stimmt. Mit Fake News wird Abschottung betrieben.“ So müsse zum Beispiel jeder Betrieb, je nach Region, 20 bis 80 Prozent seiner Fläche als Naturwald belassen und bekomme dafür auch keinen finanziellen Ausgleich. „In Australien, Nebraska oder Frankreich wäre es unmöglich, von einem Farmer zu verlangen, dass er die Hälfte seines Landes ohne Kompensation einfach nicht nutzen darf“, zieht Embrapa Territorial-Hauptgeschäftsführer Gustavo Spadotti einen provokanten Vergleich. Zudem würden 40 Mio. Hektar degradiertes Weideland gerade wiederhergestellt. Dies sei mehr als die Gesamtfläche der Bundesrepublik Deutschland. Als „degradiert“ gilt dabei, was jahrelang agronomisch schlecht geführt wurde, wo der Boden erodiert ist und der Bewuchs wenig Ertrag liefert. Dort solle in Zukunft viel intensiver und klüger gewirtschaftet werden.
Immerhin kann Spadotti belegen, dass mit besserem Grünland mehr Fleisch pro Hektar erzeugt wird. „So wird Land für Ackerbau frei. Und mit dem Ertragsfortschritt dort können mehr Naturflächen bewahrt werden.“ Ohnehin würden nur 31 Prozent des Territoriums für die Landwirtschaft genutzt. Das müsse Europa erst einmal nachmachen. „Ihr habt vor tausend Jahren einen Großteil eurer Wälder niedergeholzt. Jetzt müsst ihr auch uns eine Entwicklung zugestehen“, sagt ein Farmer, der namentlich lieber nicht genannt werden will. Dass es trotz der Kehrtwende beim Schutz des Regenwaldes unter Präsident Lula da Silva da und dort Probleme mit der Kontrolle illegaler Abholzung gäbe, räumt auch Spadotti ein. Dafür aber ein ganzes Land in Bausch und Bogen zu verurteilen, sei ungerecht, ergänzt Ingo Plöger: „Der Amazonas ist 2.500 Kilometer von São Paulo entfernt. Das wäre im Vergleich der Distanzen so, wie wenn der französische Bauer für ein Problem in Russland bestraft wird.“
Für Humbug hält Ministeriumsvertreter Rua den Vorwurf, dass Pestizide verwendet werden, die in der EU verboten sind: „Natürlich ist das so. Wir haben eine tropische Landwirtschaft, die Europäer kontinentale Temperaturen. Die Bedürfnisse sind andere. Bei uns sind ebenfalls jede Menge Moleküle nicht zulassen, die die Bauern dort brauchen. Darüber beschweren wir uns ja auch nicht.“ Mit der französischen Initiative, Produkte, die damit behandelt wurden, nicht einführen zu lassen, sei er nicht einverstanden. Brasilien erfülle alle Vorgaben. Zudem handle es sich um streng begrenzte Kontingente. Dass manche Europäer trotzdem gegen Mercosur sind, sei zwar als Teil des demokratischen Prozesses zu akzeptieren. „Das Thema ist aber politisiert worden und basiert auf blindem Protektionismus. Wir arbeiten lieber auf Basis der Wissenschaft.“
Was man denn den österreichischen Bauern, die sich vor den Muskeln der brasilianischen Mega-Konglomerate fürchten, dann als Botschaft mitgeben könne? „Dass sie die Rechnung für 70 Jahre Protektionismus bezahlen und damit verhindert wurden, dass sie wettbewerbsfähig werden“, antwortet Ingo Plöger schroff. Jetzt schon wieder nach der Hilfe der Regierungen in Europa zu schreien, sei sinnlos: „Die haben das Geld dafür nicht mehr.“ Ob ein freier Wettbewerb bei so ungleichen Vorbedingungen nicht unfair sei? Nein, unfair sei es, sich der Realität nicht stellen zu wollen. Bei der Massenproduktion werde man eben einfach nicht mithalten können. „Unsere Autoindustrie ist auch zusammengebrochen, weil Europa darin eben besser war. Aber ihr habt in Österreich so tolle verarbeitete Lebensmittel. Auf die müsst ihr Euch konzentrieren.“ Und gute Agronomen seien in Brasilien gesucht, scherzt Plöger: „Kommt hierher und macht bei uns Euer Geschäft.“
Im Bild: Store Check
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