Foto: Alois Burgstaller

Fragen an den Initiator einer Bergbauernhofrettung

Der Falter-Chefredakteur hat den Anstoß zur erfolgreichen Rettung eines überschuldeten Bauernhofs gegeben.

Herr Klenk, sie teilen gegen das Agrarsystem einigermaßen aus. Können sie das nochmals präzisieren?

Ich kritisiere, so wie Christian Bachler, eine fehlgeleitete Agrarpolitik. Ich kritisiere das System, in dem der Bauer steckt, aber ich kritisiere nicht die Bauern. Ich bekrittle, dass man den Bauern erklärt hat, dass sie mithalten müssen am Weltmarkt, dass sie viel produzieren müssen, sich hoch verschulden müssen. Leider kommen immer mehr Landwirte drauf, dass die Rechnung nicht aufgeht. Das ist das Problem, das Bachler artikuliert. Er hat früh bemerkt hat, dass die Prognosen, die die Bankenprofis bei der Kreditvergabe angeblich überprüft haben, nicht eintreten konnten. Zwei Faktoren haben ihn ruiniert: Er hat weniger EU-Förderungen bekommen, als gedacht, weil Almen anders bewertet wurden. Und, zweitens, hat ihn der Milchpreisverfall 2009 ruiniert. Angesichts dieser Schuldenlast hat er den Kopf in den Sand gesteckt. Zugleich hat er aber versucht, in seinen Betrieb zu investieren. Er hat mit Direktvermarktung begonnen und Ferienwohnungen vermietet. Er hat die digitale Welt, die ihn jetzt gerettet hat, sehr früh beackert.

Haben sie Reaktionen vom Funktionären erhalten?

Als mich Bachler wegen dem Kuhurteil kritisiert hat, wurde er vom Bauernbund als Kronzeuge gegen den bösen Falter in Stellung gebracht. Jetzt, wo Bachler auch den Bauernbund kritisiert, ist der Verband ganz still.  Der Bauernbund hat Bachler bei der Spendenaktion auch nicht unterstützt. Viele Funktionäre denken aber, dass Bachler viel Wahres ausspricht. Wirklich enttäuscht war ich aber von Raiffeisen.

Wen meinen sie mit Raiffeisen konkret, die örtliche Bank?

Die Raiffeisenbank Murau wollte in der Corona-Zeit den Hof versteigern lassen, wegen 130.000 €. Das ist die größte anzunehmende Gemeinheit, die eine Bank einem Bauern und seiner auf dem Hof lebenden Mutter antun kann. Wissend, dass ein Liegenschaftsvermögen von einer Million Euro vorhanden ist. Ich glaube, dass nicht nur viele Leute im Ort die Versteigerung als unanständig empfanden.

War die Fälligstellung nicht absehbar?

Sie war gerichtlich bewilligt, keine Frage. Er war das Geld schuldig. Sie können als Gläubiger natürlich eine Exekution betreiben, sie können sich aber auch um eine Sanierung bemühen. Als das Landwirtschaftsministerium Bachler ein Unternehmenskonzept hingelegt hat, haben wir gewusst: wenn er 150.000 Euro aufstellen kann, kann er seinen Hof retten. Die Bank hat keinen Cent nachgelassen, obwohl er den Kredit komplett zurückzahlt.

Bachler sagt in einem Video, er würde, weil er die Schäden des Systems benennt, Schwierigkeiten bekommen.

Es war jedenfalls so, dass wir schon im September versucht haben, eine Lösung für ihn zu finden. Da hat er gemerkt, dass es in der Bank Leute gibt, die Eigeninteressen hatten, um an Filetstücke seines Hofs zu kommen.  Was ich der Raiffeisen vorwerfe ist der Umstand, dass sie ihm so hohe Kredite gewährte. Man hätte doch sehen müssen, dass er diese Summen nicht erwirtschaftet kann. Trotzdem gibt man den Bauern immer wieder einen Kredit, weil man eh im Grundbuch steht.

Vielleicht sind die Buchwerte nicht realisierbar?

Na ja, wieso, das ist Land, großer Besitz.

Bachler wollte den Hut draufhauen. Das wäre doch auch eine Alternative gewesen.

Natürlich, aber dann hat er keinen Hof mehr da oben. Dann ist ein Kulturgut, das seit dem 11. Jahrhundert existiert, weg. Stattdessen gibt’s dann ein Tourismus- Chalet. Ich glaube, dass das nicht das Ziel der Agrarpolitik sein kann.

Gibt es aus Bachlers Sicht eine Möglichkeit, sich von dieser Last zu befreien?

Er will Bauer sein. Er tut, was die Agrarpolitik zum Ziel hat: Den Bauernstand erhalten. Man kann natürlich sagen, man will dänisches Billigschwein und braucht diese Almwirtschaft nicht, aber er sieht das zurecht anders.

Abgesehen von den 14.000 Spendern, was hat sie beeindruckt?

Bachlers Vision einer ökologischen Landwirtschaft, die auf Qualität und nicht auf Quantität setzt. Die Bauern werden doch heute von den Agrarfabriken weggefegt. Er hat erkannt, dass er eine Nische braucht. Er will seine Viecher nicht quälen, sondern stressfrei schlachten und die Almen wie früher bewirtschaften. Bachler ist ein sehr gescheiter, belesener, in der modernen Welt stehender Mensch.  Ich hätte mir erwartet, dass eine Bank so einen Visionär anders anfasst als eine x-beliebige, marode Baufirma. Ein umsichtiger Banker hätte gesagt, das ist eigentlich eine interessante Figur, wie können wir dem helfen, das ist eigentlich der ursprüngliche Raiffeisengedanke. Normalerweise kriegen Bauern ja auch nicht binnen 48 Stunden 400.000 Euro an Spenden zusammen. Irgendwas muss der Mann offenbar an sich haben. Er repräsentiert eine Sehnsucht nach einer anderen Landwirtschaft. Und eine Bank, die das nicht versteht, hat ein Imageproblem. Ich habe den Marketingschaden, den sich die Bank zugezogen hat, nie verstanden. Es hat Nachbarn gegeben, die nicht verstehen wollten, dass jemand anders denkt wie sie und Fehler einbekennt. Es gibt aber auch die, die ihm hinter vorgehaltener Hand zustimmen. Wirklich beachtlich war, dass er der Suizidberatung Ochsen geschenkt hat. Er wollte zeigen, dass viele Bauern in einer schlimmen Lage sind, dass die Berufskrankheit der Bauern die Depression ist. Er sprach es aus, dass er sich aufhängen wollte.

Wird sich die Berichterstattung des „Falter“ verändern?

Ja wir werden im Frühjahr ein eigenes Natur-Ressort einführen. Wir werden uns dieses Themas nicht mit der Brille der Raiffeisenzeitung, nicht mit der des Bauernbundes annehmen. Es gibt zu wenige unabhängige Berichte. Jeder Landwirt wird lesen können, dass wir nicht die bauernfeindliche Zeitung sind, als die uns gewisse Interessenvertreter immer hinstellen wollen.

Feinbilder sind nützlich!

Beim Kuhurteil sind wir noch auseinander. Er hat mich als Bauer beeindruckt. Denn er findet es absurd, eine dänische Schweinerasse in einen von Raiffeisen finanzierten Stall zu stellen, den Tieren Soja aus Brasilien zu füttern, um sie dann in einen Lastwagen zu stopfen und in irgendeinem Turboschlachthof mit bulgarischen Hilfsarbeitern, die sich mit Corona infiziert haben, schlachten zu lassen.

Das war jetzt enzyklopädisch!

Na ja, das ist aber das, was passiert. Das ist, wogegen er sich wendet. Das System, das uns ermöglicht, um 2,90 ein Schnitzel zu kaufen. Wir können sagen, das wollen wir. Aber vielleicht wollen wir schön langsam wissen, wo das Schnitzel herkommt, und 5 Euro zahlen. (Interview A. Burgstaller)

Dr. Florian Klenk ist Jurist und Journalist. Er leitet als Chefredakteur die stark wachsende links-liberale Wochenzeitung „Falter“.


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