GenussRegionen bangen um ihre Zukunft

Es sei für ihn schwierig nachzuvollziehen, warum Vorfeldorganisationen der Landwirtschaftskammer Österreich, künftig die beiden Cluster des Netzwerk Kulinarik führen sollen, so Josef Schirmer, Obmann der GR Nordtiroler Gemüse und Vorstandsmitglied im Österreichischen Dachverband.

Konkret gemeint sind der „Agrar.Projekt.Verein“, die Kärntner Agrarmarketing/Genussland Kärnten und die AMA Marketing mit dem Verein „Kuratorium Kulinarisches Erbe“. Obmann des Agrar.Projekt.Vereins ist übrigens seit knapp einem Jahr August Astl, mittlerweile seit Ende Juli pensionierter Generalsekretär der LK Österreich. Sprecher des Kuratoriums GenussRegion Österreich dagegen ist Gerhard Popp, einst Pressesprecher im Landwirtschaftsministerium und Initiator der GenussRegionen. Mittlerweile hoher Beamter im Finanzministerim, gilt er als "Graue Eminenz" des bäuerlichen Kulinarik-Vereines.

Tausende Betriebe in den insgesamt 116 GenussRegionen würden nun „um ihre bewährte Strukturen bangen“, heißt es. Viele sehen damit bisherige Beteuerungen offizieller Stellen, dass die GenussRegionen bestehen bleiben sollen, als Lippenbekenntnis, so der Dachverband in einer Aussendung: “Sonst hätten diese Entscheidungen anders ausfallen müssen.“

Der Vorwurf der GenussRegionen an das Landwirtschaftsministerium und dessen Cluster-Entscheidungen lautet: Zehn Jahre Aufbauarbeit für die anerkannte Marke und erheblicher finanzieller und ideeller Aufwand würden "unter dem Vorwand der Einsparungen und um Doppelgleisigkeiten zu vermeiden“ zu Gunsten neuer Strukturen zerschlagen.

"Den Zuschlag erhalten dagegen von der LK Österreich gesteuerte, klassische Landwirtschaftsplayer, für die eigentlich die Fördermittel der Ländlichen Entwicklung nie gedacht waren, weil sie andere Finanzierungsmöglichkeiten haben. Als mit Abstand innovativste, größte und bekannteste Kulinarikinitiative des Landes haben die GenussRegionen dagegen im Entscheidungsverfahren keine Stimme bekommen“, so der Dachverband in seiner Aussendung.

Behauptet wird von diesem auch: Fördermittel stünden somit künftig „nicht den Betroffenen, sondern Organisationen der Landwirtschaftskammer und der AMA Marketing zur Verfügung.“

Insgesamt geht es dabei um viel Fördergelder: für das mit 50 Prozent aus dem EU-Topf für den ländlichen Raum kofinanzierte Netzwerk Kulinarik wurden bis 2022 insgesamt 10,5 Millionen Euro budgetiert. Dazu kommen 7 Millionen Euro, die für "weitere Leistungen" abgerufen werden können.

Seitens des Vereins wurden nun für jedes Bundesland je ein Sprecher ausgemacht und Maßnahmen angekündigt, um die dynamische Weiterentwicklung der 116 GenussRegionen in ganz Österreich sicherzustellen. Neben Schirmer für Tirol oder Eduard Paminger für die Sauwalderdäpfel in Oberösterreich gehört auch der Kärntner Hans Köstinger von den Lavanttaler Apfelweinerzeugern zu jenen, welche die Entscheidung des BMLFUW scharf kritiseren. Letzterer ist übrigens der Vater der EU-Abgeordneten Elisabeth Köstinger.  

Das  Netzwerk Kulinarik selbst erklärte zur Neuordnung der kulinarischen Initiativen in Österreich ebenfalls per Aussendung: Das Netzwerk sei vom Landwirtschaftsministerium mit dem Ziel gegründet worden, die regionalen und kulinarischen Initiativen in Österreich für den Absatz landwirtschaftlicher Produkte zu stärken. Wesentliche erste Schritte dafür seien die Einrichtung einer Vernetzungsstelle sowie eine Neudefinition und Ausschreibung der kulinarischen Cluster.

Wichtige strategische Aufgaben werden künftig direkt von der Vernetzungsstelle wahrgenommen. Die operative Tätigkeit wird auf zwei Cluster konzentriert. Die Empfehlung für die beiden Cluster wurde von einem „Auswahlgremium“ abgegeben: „Seitens der Vernetzungsstelle als auch seitens jener Bewerber, die voraussichtlich den Zuschlag erhalten werden, gibt es ein klares Bekenntnis zum Fortbestand und zur Weiterentwicklung der Genuss Regionen.“

Die bisher "positive, aber weitgehend unkoordinierte Entwicklung" regionaler wie kulinarischer Initiativen sei „an einem Wendepunkt angelangt, an dem der ursprünglich beabsichtigte werbliche Nutzen und Mehrwert für die Produzenten gegenüber einer für die Konsumenten kaum mehr zu überblickenden Vielfalt an Marken und Siegeln in den Hintergrund getreten ist.“ Daher mache der Einsatz öffentlicher Mittel in diesem Bereich eine stärkere Fokussierung und Koordination der diversen Initiativen notwendig, betont man seitens des Netzwerk Kulinarik.

 

BERNHARD WEBER

 Erstellt am 21. Oktober 2016