Zwischen Bangen und Hoffen in Südafrika

Im Vergleich zu anderen Ländern am schwarzen Kontinent floriert die Agrarwirtschaft Südafrikas. Rund 36.500 Farmen zählt der 54 Millionen Einwohner-Staat mit 1,22 Millionen Quadratkilometer, wobei gerade mal rund 14 Prozent der Fläche landwirtschaftliche genutzt wird: 16,7 Millionen Hektar, gleich viel wie in Deutschland. 80 Prozent der Felder und Weiden gehören seit gut 300 Jahren weißen Farmern, meist Nachfahren der Buren aus Holland oder Frankreich, dazu nahezu alle Weingüter in der Kapregion. Dazwischen: Subsistenzwirtschaft schwarzer Kleinbauern.

Rund 1,3 Millionen sollen es sein. Bis dahin massiv unterdrückt, pocht die schwarze Bevölkerung, nach wie vor mehrheitlich in bitterer Armut lebend, seit dem Ende der Apartheit vor gerade mal 22 Jahren auf ihre Rechte. Und auf Landrückgabe. Der Afrikanische National Kongress, ANC, der damals mit seiner Polit-Ikone Nelson Mandela den Umsturz erwirkte, fordert die Restituierung von 25 Prozent der Agrarflächen an die „Colored People“. Nach Jahren der Euphorie hat sich mittlerweile längst Ernüchterung breitgemacht. Den meisten vom Staat mit Land versorgten Neufarmern fehlt es an Ausbildung und Kapital, der ANC selbst versinkt in Korruption. Allein gegen Präsident Jacob Zuma, einst Mitstreiter Mandelas, laufen knapp 800 gerichtliche Klagen wegen Bestechung, Amtsmissbrauch und Betrug, auch mit unanständigen Agrargeschäften.

Vor allem im Norden des Landes geht auf den Farmen die Angst um. Wie im Nachbarland Simbabwe, einst Afrikas Kornkammer, das der Langzeit-Präsident Robert Mugabe durch willkürliche Landrückgabe an den Rand des Ruins getrieben hat, häufen sich auch in Südafrika Attacken gegen weiße Farmer. In den vergangenen 15 Jahren wurden mehr als 8.000 Fälle verzeichnet, 924 Farmer in dieser Zeit getötet. Dazu kommt massenhafter Diebstahl von Ernte und Vieh. Laut dem südafrikanischen Magazin „Agri“ verschwinden jedes Jahr 55.000 Rinder und 85.000 Schafe. Die steigende Agrarkriminalität war im Mai auch Thema einer großen Farmer-Konferenz mit Vertretern von UNO und FAO in Sambia. Bei offiziellen Gesprächen mit Politikern und Beamten wird das Thema „Farm killings“ dagegen übergangen.

Dazu kommt der Klimawandel. Einst fruchtbares Land verödet, angesichts anhaltender Hitze-Perioden und weil die Niederschläge ausbleiben. Längst ist auch Südafrikas Versorgungssicherheit davon bedroht. Dabei wären in Südafrika zwei Ernten pro Jahr oft kein Problem. Staatliche Hilfen gibt es für die Farmer keine, schon gar nicht für Beregnung. Das Agrarministerium in der Provinz West-Kap unterstützt mit Fachberatung über klimaschonende Bewirtschaftungsmethoden, erzählt Joyene Isaacs, Chefin der Agrar-Abteilung. Das meiste Geld benötigt man indes für die Landrückgabe.

Um die Gemeinschaft der weißen und schwarzen Landbevölkerung zu verbessern, hat die Regierung von Westkap 2005 ein Vorzeigeprojekt initiiert: die jährliche Wahl der besten Landarbeiter. Gemeinsam mit einer Supermarkt-Diskontkette wurden auch heuer Anfang November auf dem Traditionsweingut Nederburg bei Paarl bei einem fröhlichen Galaabend für 700 fast überwiegend farbige Gäste die besten Traktorfahrer, Melker oder Erntehelfer mit den „Western Cape Prestige Agri Awards“ gekürt.

Der diesjährige Gewinner, Anton Alexander, begann vor 20 Jahren als Traktorfahrer, schaffte es zum Vorarbeiter erhielt neben einem iPad einen Übersee-Ausbildungscheck im Wert von 4.200 Euro. „Die Leute sind stolz auf das, was sie tun. Mit unserem Preis holen wir sie vor den Vorhang“, so Alan Winde, der dem „Ministerium für wirtschaftliche Chancen“ vorsteht und quasi für ein „lebenswertes Südafrika“ eintritt. Sein Credo lautet: „Better together“, also Zusammenarbeit. Der Agrarminister gehört zum Team der weißen, deutschstämmigen Premierministerin der Kap-Provinz, Helen Zille. Die frühere Journalistin und Apartheit-Gegnerin war bis 2015 Vorsitzende der liberalen, um Ausgleich bemühten Demokratischen Allianz, DA. Chancengleichheit, „Black Economic Empowerment“, fordert der ANC. Wer ein Unternehmen gründet, soll Schwarze auf allen Ebenen beschäftigen. Das geht auch der DA, neuerdings mit schwarzem Parteichef, in manchen Bereichen zu schnell, zu weit angesichts einer mehrheitlich schlecht ausgebildeten Bevölkerung.

Wie tief der Spalt zwischen weißen Farmern und schwarzer Bevölkerung ist, zeigt sich beim Besuch der Boland-Agrarschule in Paarl. 350 Schüler, 14 bis 19 Jahre alt, drücken dort um 50.000 Rand/Jahr, umgerechnet 3.500 Euro, die Schulbank. Bloß 14 Schüler sind Farbige. Ihr Schulgeld zahlen Sponsoren, oft die Arbeitgeber ihrer Eltern. Nach dem Unterricht folgt sportlicher Drill, betont der Direktor. Christian Offer, 18, ist Sohn eines Rinderfarmers. Nein, Probleme mit den schwarzen Mitschülern habe er keine. „Ich habe sogar mit einem das Zimmer geteilt.“ Nach seiner Abschlussprüfung zieht Familie Offer aber nach Namibia. Die Farm in Westkap wird verkauft, im Nachbarland will man mit Kobe-Rindern einen Neustart wagen. Warum Namibia? „Weil es dort noch so ist, wie es in Südafrika früher war“, sagt Christian.

Seinen 60 schwarzen Arbeitern die Möglichkeit eingeräumt, wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen hat dagegen der Weingut-Besitzer und Philanthrop David Sonnenberg. Sie dürfen einen Teil seiner Weinflächen selbst bewirtschaften und verkaufen mittlerweile 30.000 Flaschen ihrer „Thokozani“-Weine, zwei Drittel davon unter der Exklusiv-Marke „Ovasion“, an die Supermarktkette Woolworth, einst im Mitbesitz seines Vaters. Diese Transformations-Weine würde Sonnenberg, der auf „Diemersfontein Estate“ 750.000 Flaschen produziert, gerne auch nach Österreich verkaufen: „Leider ignoriert uns Wein & Co konsequent“.

Westkap gehört neben Bayern, Georgia in den USA, Sao Paolo in Brasilien oder Shandong in China wie auch Oberösterreich zum Verbund der „Power-Regionen“. Bei einem Besuch von Oberösterreichs Agrarlandesrat Max Hiegelsberger Anfang November in der Kap-Provinz wurde ein Schüler-Austauschprogramm auch mit der Boland-Schule vereinbart. Acht junge Südafrikaner werden im Sommersemester 2018 an die HBLAs St. Florian und Elmberg geholt, samt Praxisangebot an Fachschulen. Ab 2019 sollen oberösterreichische Schüler im Gegenzug in Südafrika studieren. Hiegelsberger: "Von diesem Austausch und weiteren Kooperationen sollen beide Seiten profitieren." High-tech-Austausch mit Oberösterreich gibt es bereits: das Infosystem „DORIS“ hilft am Kap bei Flächendigitalisierung und Bewässerung.

Auch beim Aufbau eines Genossenschaftswesens, um günstig an Maschinen und Kapital zu kommen, würde man die Kleinbauern in Südafrika gerne unterstützen, betonten Hiegelsberger und sein oberster Agrarbeamter Hubert Huber bei einem Treffen mit deren Verbandspräsidentin der Provinz Gauteng, Vuyo Mahlati, in Pretoria.

Aber auch Österreicher können von Südafrikanern lernen, nicht nur in Sachen Weinbau und Marketing, wie seit dem Weinskandal vor rund 30 Jahren. Mitch van der Bos, Sohn holländischer Einwanderer, hat 2001 am Stadtrand von Johannesburg eine Pinzgauerzucht aufgezogen. Mit Genetik aus Österreich besitzt er heute eine Herde von 450 Rindern, davon 380 Kühe. Milch und Fleisch verarbeitet er selbst, vermarket ab Hof und im eigenen Farmrestaurant. „Die Steaks sind besser als von Angus-Rindern“, schwört er. 150 weitere Züchter hat er bereits überzeugt.

Angus McIntosh, Anfang 40, hat früher als Investmentbanker in London gejobbt. Nach seiner Rückkehr hat er bei Stellenbosch rund 130 Hektar Land für seine Biofarm erworben. Darauf grasen mittlerweile nicht nur 300 Rinder, sondern auch 60 Schweine und 3600 Legehennen. In den Salztrog der Wiederkäufer streut er Gräsersamen. „Precisious Animal Farming“, die Rinder düngen und säen das Weideland. Die Vision von Ja! Natürlich in Österreich wird hier gelebt. Das Fleisch geht an die Restaurants im familieneigene Nobel-Weingut Spiers mit Top-Marketing rund um den Weinverkauf. Dabei werden selbst prämierte Weine in Südafrika um 2 bis 6 Euro je Flasche gehandelt.

High-tech haben auch Agrana sowie Kornspitz-Backaldrin nach Südafrika gebracht. Agrana veredelt in „Joburg“ Früchte für Joghurt, ein florierender Wachstumsmarkt. Backaldrin hat mit dem mittlerweile verstorbenen Ex-Intertrading-Chef Gernot Preschern den Backwarenmarkt im südlichen Afrika erobert und liefert dafür Gewürze und Getreide auch aus Oberösterreich gen Süden. Namibia, Botswana und Simbabwe stehen zudem im Focus der Firma. Das Thema Ausbildung ist auch für Backaldrin-Geschäftführer Harald Deller vorrangig: „Wir bilden auch moderne Bäcker aus, denn die gibt es hier nicht.“