EU-Milchpolitik: „Wir sollten die Ställe anfüllen“

Angesichts ruinöser Preise nutzen Milchbauern in ganz Europa die Gelegenheit, um auf ihre schwierige Lage aufmerksam zu machen. Meist mit viel Tumult und zornigen Transparenten wird in Frankreich oder Deutschland für Mengenbeschränkungen demonstriert. Insofern sind die jungen Milchbauern, die in den Niederlanden den Autobus der Agrarminister auf Betriebsbesuchen in der Provinz Nordbrabant im Rahmen des informellen Ratstreffens entern wollen, keine Ausnahme. Bemerkenswert ist allerdings ihr Begehr: Nicht die Beschränkung der rasant steigenden Milchmengen in Europa ist ihr Wunsch. Nein, sie wollen endlich produzieren dürfen.

Im Kern ist das Problem, das die „jonge melkveehouder“ in Diessen umtreibt, ein lokales, holländisches: Nur ein Monat nach dem Auslaufen der Milchquote im Vorjahr, führte die niederländische Regierung auf Druck von Umweltschutzorganisationen Phosphat-Auflagen ein, die  weitere Herdenaufstockungen zumindest für ein Jahr praktisch verboten hat. Nur wenn es den Betrieben gelingt, beim Düngen den Nährstoffeintrag in den Boden zu begrenzen, darf weiter aufgestallt werden. Der Beschränkung durch die Milchquote folgt also eine Phosphat-Quote, die für jede weitere Kuh teuer zugekauft werden muss. Wobei: bei Schweinen und im Geflügel ist eine solche in Holland längst gelebte Praxis.

Für Milchbauern wie Rik und Jocke Lagendijk, vor deren Hof die Demonstration stattfand, bedeutet dies: Sie haben in Erwartung der Liberalisierung einen High-Tech-Stall für 250 Milchkühe mit vier Melkrobotern gebaut und wurden mitten in der Aufstockungsphase nun von der neuen Regelung kalt erwischt. Auf absehbare Zeit bleiben 70 einkalkulierte Stallplätze leer. Im besten Fall können Lagendijks irgendwann einmal teure Produktionsrechte für die noch fehlende Kühe kaufen. Zusätzlich zu den 6.000 Euro Errichtungskosten pro Kuh dürfte etwa derselbe Betrag nochmals hinzukommen. Das wollen die Milchbauern nicht ohne weiteres hinnehmen: „Nicht einmal die Banken wissen, wie sie auf diese Situation reagieren sollen, weil unsere Businesspläne ja auf das Produktionsvolumen abgestimmt sind. Wir sollten unsere Ställe anfüllen.“

Vielen der rund 1.000 Bauern, die in ultramoderne Stallungen investiert haben, drohe nun nicht nur wegen des auf 25 Cent gefallenen Milchpreises der Konkurs, heißt es. Für staatliche Produktionsbeschränkungen haben die wenigsten Milchbauern im Goudaland-Verständnis.

„Wir müssen doch das Geld in die Verbesserung der Produktion und nicht in deren Beschränkung stecken“, meint kopfschüttelnd auch der Chef des größten Molkereikonzerns im Land, Roelof Joosten von FrieslandCampina. „Wer stehen bleibt und nicht investiert, wird ausscheiden“, lautet seine einfache wie barsche Analyse. Das heiße aber nicht, dass sich Molkereien und Bauern keine Lieferziele vereinbaren sollten. FrieslandCampina schüttet für deren Einhaltung auch Prämien aus. Auch ein guter Teil der Landwirte teilt diese marktliberale Sichtweise der Milchindustrie. Auch Rik Lagendijk betont, dass er, wenn das nationale Phosphatproblem gelöst werde, zuversichtlich in die Zukunft blickt. Nur 25 Cent wären zwar kurzfristig „sicher ein Problem, aber sonst sieht es gut aus. Mit unserem modernen Stall können wir Milch um 31 Cent produzieren. Wenn wir in Zukunft in guten Jahren Reserven aufbauen, werden wir damit gut verdienen.“

Und was rät der Milchmanager Joosten? „Nicht in die Vergangenheit schauen und bedauern, was nicht mehr wirtschaftlich ist, sondern in die Zukunft blicken und sich weiterentwickeln.“ Hollands Konzepte heißen Innovation, Intensivierung und Hochtechnologie. Wie in einem solchen Umfeld ein Land wie Österreich bestehen könne? „Mit Differenzierung,“ meint Joosten. „Zu viele Bauern setzen auf Basisprodukte. Wer herkömmliche konventionelle Standardmilch produziert wird dafür immer nur den Weltmarktpreis bekommen. Österreich kann sich nur auf Spezialitäten fokussieren, für die man mehr verlangen kann.“

Im Lichte dieser Philosophie gehört der niederländische Agrarminister Martijn van Dam zu jenen, die sich beim Milchgipfel Ende Juni in Luxemburg mit Händen und Füßen gegen einen allzu regulatorischen Ansatz zur Wehr setzen werden. Auch EU-Agrarkommissar Phil Hogan gehört zu den Anhängern eines möglichst freien Marktes. Zuerst sollten die Mitgliedsstaaten jene Maßnahmen nutzen, die ihnen die EU bereits eingeräumt habe, bevor weitere Markteingriffe kommen, so die Botschaft des gebürtigen Iren. Lagerhaltung, Intervention oder die jüngst erteilte wettbewerbsrechtliche Ausnahme für freiwillige Erzeugungs- und Liefervereinbarungen zwischen Erzeugerorganisationen, Branchenverbänden und Genossenschaften würden viel zu wenig genutzt. Mehr als ein lauwarmer Milch-Kompromiss ist vom nächsten Ministergipfel in Luxemburg also nicht zu erwarten.

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